Kanton Bern
Wieder mehr Berner Verkehrstote

Im Kanton Bern zählt die Polizei im laufenden Jahr bereits so viele Verkehrstote wie im ganzen letzten Jahr. Auch dank besserer Kontrollen des Schwerverkehrs im Ostermundiger Prüfzentrum sollen die Opferzahlen wieder sinken.

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Prüfstand

Prüfstand

Grenchner Tagblatt

Samuel Thomi

Im Gegensatz zu Privatfahrzeugen werden die 6000 Lastwagen und Anhänger, welche im Kanton Bern registriert sind, alljährlich zur Kontrolle aufgeboten - seit anderthalb Jahren neu ins Kompetenzzentrum Schwerverkehr im Mösli bei Ostermundigen. Dort klären Spezialisten des Strassenverkehrsamtes und der Berner Kantonspolizei die Fahrtüchtigkeit der Verkehrsmittel ab.

Letztere benützt die neue Infrastruktur aber auch, um stichprobenweise den rollenden Schwerverkehr auf den Schweizer Schnellstrassen zu überprüfen. Denn mit Inkrafttreten des Landverkehrsabkommens zwischen der Schweiz und der EU wurden die Kantone neu vom Bund beauftragt, so genannte Unterwegskontrollen auf den Autobahnen auszuführen.

Das läuft dann beispielsweise so ab. Von Thun herkommend fiel einer mobilen Einheit der Kantonspolizei bei Muri ein tschechischer Lastwagen auf. Sie lotste ihn im Wankdorf ab der Autobahn zur nahe gelegenen Prüfstelle. Polizist Meister prüfte zuerst die Personalien und den Zustand des Lenkers, dann Fahrzeugausweis, Fahrtenschreiber und am Ende das Fahrzeug selbst.

Dort stellte er bei den Bremsen Unregelmässigkeiten fest; unter anderem war die Innenseite der Bremsscheibe unnatürlich aufgeraut. Und die Bremsklötze waren total abgefahren. Eisen rieb sich bereits auf Eisen.

23 000 Fahrzeuge geprüft

Das kantonale Kompetenzzentrum Schwerverkehr Mösli wurde vor anderthalb Jahren eröffnet; dessen «echter Beitrag zur Erhöhung der Verkehrssicherheit» drückte Polizei- und Militärdirektor Hans-Jürg Käser gestern auch in Zahlen aus. So absolvierten seit vorletztem März 23 000 Nutzfahrzeuge und Anhänger in Ostermundigen deren periodische Kontrollen. Knapp ein Fünftel der Prüfungen hätte zu Beanstandungen geführt, von denen wiederum knapp die Hälfte sicherheitsrelevante Mängel betroffen hätten.

Noch höher liegt die Beanstandungsquote dagegen bei den gut 3400 durchgeführten polizeilichen Unterwegskontrollen. Über 400 Ordnungsbussen und fast 900 Anzeigen wurden dabei ausgesprochen. 77 Fahrzeuge und Fahrzeugkombinationen mussten gleich vor Ort stillgelegt werden und konnten erst weiterfahren, nachdem der ordnungsgemässe Zustand wiederhergestellt worden war. (sat/kbe)

Erhöhung der Verkehrssicherheit

Entsprechend heiss war die Bremsvorrichtung auch bereits geworden. Als Meister bei genauerem Hinsehen auch noch entdeckte, dass die Bremsscheibe mit Haarrissen durchsetzt war, traute er seinen Augen kaum: «Das war ganz klar ein Ausnahmefall, auch wenn wir ab und zu auf ungenügende Bremssysteme treffen», kommentierte er.

Denn hinzu kam noch ein lockeres Rad. Der Tscheche rief zu Hause an, Mitarbeiter aus seiner Zentrale reisten in die Schweiz und behoben hinter dem Mundiger Prüfzentrum innert 48 Stunden die Mängel. Darauf brauste der Fernfahrer mit seinem Fahrzeug zurück.

«Damit will ich nicht sagen, dass wir besonders viele Probleme mit Lastwagen aus Osteuropa haben - im Gegenteil», kommentierte Polizei- und Militärdirektor Hans-Jürg Käser (FDP). «Das Beispiel zeigt auch: Die Tätigkeit des Kompetenzzentrums Schwerverkehr trägt tagtäglich zur Erhöhung der Verkehrssicherheit bei.» Kaum vorstellbar, was mit dem LKW im Fall einer Notbremsung passiert wäre.

Mittel zu «künstlicher Verlagerung»?

Das Kompetenzzentrum diene aber auch noch einer weiteren Funktion, so Käser: «Es fördert den Wettbewerb unter den Transportunternehmungen, indem es gleich lange Spiesse schafft.» Klar würden die Schwerverkehrskontrollen auf den ersten Blick nicht von allen geschätzt. Und sie brauchten auch Zeit; in der Regel 40 Minuten pro Fahrzeug. «Wir wollen damit nicht die Wirtschaft behindern: Wer hingegen mit gezinkten Karten spielt, wird zur Rechenschaft gezogen.»

André Kirchhofer, Sprecher des Nutzfahrzeugverbands Astag, sagt auf Anfrage, er kenne den Fall Mösli zwar nicht im Detail. Beschwerden über die Berner Kontrollpraxis im Speziellen lägen ihm ebenfalls keine vor. Grundsätzlich allerdings mache er die Erfahrung, dass «bei Statistiken sehr oft das Negative betont» werde.

So stelle sich etwa die Frage, ab wann eine Beanstandung wirklich sicherheitsrelevant sei. Kirchhofer betont, dass die Unfallzahlen des Schwerverkehrs national seit Jahren rückläufig seien. «Klar: Für mehr Sicherheit brauchts Kontrollen», doch hören diese für den Astag dort auf, «wo sie in Schikanen übergehen». Das sei «eher im Transitverkehr der Fall, um künstliche Verlagerungen hinzuzaubern».

Dass es «nicht um Paragrafenreiterei, sondern um den Schutz von Leben geht», zeigt laut Käser nicht zuletzt eine ernstzunehmende Trendwende: Bis Ende Oktober starben 2009 auf Berner Strassen bereits so viele Personen wie im ganzen letzten Jahr. Laut Stefan Blättler, Kommandant der Kantonspolizei, kehrt sich damit der jahrelange Trend sinkender Opferzahlen erstmals wieder.

Ohne ins Detail gehen zu wollen, führte er das auch auf den harten letzten Winter zurück. Eine genauere Analyse werde allenfalls noch Handlungsbedarf aufzeigen. Wenn Blättler auch betont, dass «jedes Einzelschicksal eine Tragödie für sich darstellt», handle es sich im Vergleich zur Zeit vor Jahrzehnten allerdings um vergleichsweise tiefe Fallzahlen.