Raser
Wie wird ein Mensch zum Raser?

Wenn Autofahrer rasen, taucht immer die Frage nach dem "warum" auf. Uneinsichtigkeit, Imponiergehabe oder schlicht Grobfahrlässigkeit werden dann als mögliche Ursachen genannt. Wir sprachen mit einem Psychiater über die Frage, warum ein Mensch zu einem Raser wird.

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Keystone

Claudia Landolt

Urs Weibel ist Psychotherapeut SPV aus Wohlen und therapiert unter anderem Raser, die bereits verwarnt, deren Führerschein entzogen wurde oder bereits strafrechtliche verurteilt worden sind. Diese Verkehrstherapie wird von der Behörde angeordnet, muss zwingend absolviert und notabene vom Verurteilten selbst bezahlt werden.

Herr Weibel, wie wird der Mensch zum Raser?
Urs Weibel: Jeder Mensch hat von sich selbst eine Idealvorstellung, wie er sein möchte. Ist die Diskrepanz zwischen dem wirklichen Ich und der Idealvorstellung davon sehr gross, ist es umso wahrscheinlicher, dass irgendwann einmal dieses Ideal, dieser Held in uns, ausbricht.

Man rast also durch die Gegend, um einmal Held zu sein?
Weibel: Dieser Wunsch, ein Held zu sein, dieses Urbedürfnis nach einem Ausbruch ist etwas Urmenschliches. Es ist evolutionsbiologisch begründet und liegt tief in allen von uns (wenn auch mehr in Männern als in Frauen). Gerade bei unterprivilegierten Menschen ist der Drang gross, einmal "der King" sein zu wollen. Autofahren bedeutet auch, Macht zu haben.

Urs Weibel Urs Weibel ist gelernter Feinmechaniker, später Sozialarbeiter FH. Danach bildete er sich zum Pschotherpaeuten aus. Er ist Mitglied des Schweizerischen Psychotherapeutenverbands (SPV) und behandelt auch Verkehrssünder.

Urs Weibel Urs Weibel ist gelernter Feinmechaniker, später Sozialarbeiter FH. Danach bildete er sich zum Pschotherpaeuten aus. Er ist Mitglied des Schweizerischen Psychotherapeutenverbands (SPV) und behandelt auch Verkehrssünder.

Zur Verfügung gestellt

Gibt es "den Raser" überhaupt? Oder so etwas wie ein Raser-Täterprofil?
Weibel: Die Mehrheit der Raser verfügt über einen geringen Bildungsstandard und ist sozio-ökonomisch ebenfalls weit unten angesiedelt. 75 bis 80 Prozent aller Verkehrssünder stammen aus balkanischen Gegenden. Das ist insofern von Bedeutung, weil diese Menschen aus Kulturen stammen, die nur Angriffe kennen, keine Flucht.

Die nackten Zahlen

Im Kanton Aargau gab es im Jahr 2008 rund 6314 Fahrausweisentzüge, fast die Hälfte davon wegen überhöhter Geschwindigkeit (2598). Ein Ausweisentzug wegen Fahren im angetrunkenen Zustandes kam 1535mal vor. Die Zahlen für das Jahr 2009 werden im Januar bekannt gegeben. (cls)

Erklären Sie das bitte genauer.
Weibel: Sie haben nicht gelernt zu flüchten. Werden sie angegriffen, schlagen sie zurück. Getreu ihrer Lebenserfahrung und ihrem Lebensmotto: Ich überlebe nur, wenn ich zuschlage. Ich habe einen Klienten, der verbal und nonverbal auf einem Parkplatz beschimpft wurde. Er fügte der anderen Person daraufhin massive Gesichtsverletzungen zu. Er hätte aber auch die Beschimpfungen ignorieren und einfach davonlaufen können. In der Verkehrstherapie geht es dann unter anderem darum, eine solche Einstellung zu verändern.

Welche Rolle spielt Schuld?
Weibel: Interessant ist, dass für manche Raser oder Verkehrssünder die Tatsache, schuldig geworden zu sein im Sinne eines tätlichen Angriffs, leichter zu ertragen ist als die ständige Demütigung oder Scham. Die Schuld des Verprügelns kann gerade bei Jugendlichen leichter zu ertragen sein als die Scham, gekränkt oder abgewertet worden zu sein.

Reiche rasen nicht?
Weibel: Doch, natürlich. Nebst den Leuten aus tiefen sozialen Schichten gibt es auch vermehrt neureiche junge Fahrer respektive solche, die urplötzlich zu Geld gekommen sind. Nicht zu vergessen die über 65jährigen.

Notorische Raser behaupten mehrfach, zu ihrem Auto eine Beziehung zu haben - eine etwas befremdliche Vorstellung.
Weibel: Aber durchaus realistisch. Ein Auto verschafft ein schnelles Hochgefühl, es erlaubt einem, mal schnell der Realität zu entfliehen. Zudem hat ein Auto bei vielen Männern einen tiefen emotionalen Wert. Es gibt Raser, die geben lieber ihre Freundin her, als ihr Auto. Die Identifikation zum Auto kann so gross sein, dass man denkt: Beschädigt jemand mein Auto, beschädigt er auch mich selbst.

Deshalb gibt es weniger weibliche Raserinnen.
Weibel: Mädchen werden nicht auf dieses Heldenhafte und Ausbruchshafte hin erzogen. Sie beziehen ihren Wert aus anderen Quellen. Ausserdem verfügen Frauen über eine viel differenzierter ausgeprägte Form der Empathie als Männer. Sie haben auch ein ungleich besser entwickeltes Wir-Gefühl. Anders gesagt: Sie sind einfach vernünftiger.

Was ist das Ziel der Verkehrstherapie?
Weibel: Unter der Prämisse einer vorhandenen Reflexionsfähigkeit geht es um Einsicht und die Entwicklung eines Gewissens. Weniger des Gewissens im moralischen Sinn, als vielmehr die Fähigkeit einzusehen, dass ich schuldfähig bin - gegenüber mir selbst und anderen. Der Impuls etwas zu verwirklichen, ist grundmenschlich. Aber die Art und Weise, wie ich den Impuls (jemand zu sein) umsetze, ist mit Rasen natürlich grundfalsch gelöst.

Reichen dafür die dafür vorgesehenen zwölf Stunden?
Weibel: Für eine Einstellungs- oder Verhaltensänderung sicher nicht.

Was halten Sie von Freiheitsstrafen für Verkehrssünder?
Weibel: Der Umgang mit Rasern ist nicht gelöst. Der faktische Führerscheinentzug allerdings ist gravierend. Er schränkt die eigene Mobilität extrem ein. Das hat sehr oft seine guten Seiten, manchmal verschlimmert es die Situation aber auch. Es gibt Raser, die dann ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können, Sozialhilfe empfangen oder sich verschulden und dadurch verstärkt in eine Spirale der Kriminalität hineingeraten.