Michael Hunziker

Mit dem Bau des neuen Wasserkraftwerks auf Leibstadter Boden sind für über 4 Millionen Euro ökologische Aufwertungsmassnahmen getroffen worden. Kernstück ist das rund 800 Meter lange, naturnahe Umgehungsgewässer mit Kiesinseln, Stromschnellen und abwechslungsreichem Uferbereich. Das Ziel der Massnahmen, so hielt die Rheinkraftwerk Albbruck Dogern AG bei der Inbetriebnahme im Dezember des letzten Jahres fest, sei die Schaffung idealer Lebensräume für Äschen sowie die Wiederansiedlung des Lachses am Hochrhein. Die Voraussetzungen sind also vorhanden. Wann der Lachs kommen und das Gewässer nutzen wird, ist allerdings offen.

«Der Aargau ist mit dabei»

Das Programms «Lachs 2020» (separater Text) will die ausgestorbene Art wieder ansiedeln. Anders gesagt: Junge Lachse werden ausgesetzt, wandern nach ihrer ersten Lebensphase im Süsswasser in den Nordatlantik und kehren später in ihr Laichgewässer zurück. Voraussichtlich im Mai soll über die weiteren Details des Projekts informiert werden, sagt der Kantonale Fischereiaufseher Thomas Stucki. «Es ist einiges geplant und der Aargau ist mit dabei.» Es habe sich gezeigt, dass in der Schweiz mit Lachsen gerechnet werden darf. Nicht zu vergessen: Im Oktober 2008 sorgte der Fang eines weiblichen, 91Zentimeter langen Lachses in Basel für grosses Aufsehen.

Früher, so führt die Sektion Jagd und Fischerei im Departement Bau, Verkehr und Umwelt, aus, sei der Lachs – und mit ihm Aal, Meerforelle oder Meerneunauge – aus dem Meer in den Hochrhein aufgestiegen und habe mehr als 1000 Flusskilometer bewältigt. Der Lachs gelangte im Rhein bis zum Rheinfall und in der Aare bis in die Brienzerseezuflüsse. In den Sechzigerjahren wurde die Art letztmals nachgewiesen. «Mit Ausnahme des Aals sind die Langdistanzwanderer im Hochrhein ausgestorben», schreibt die Sektion Jagd und Fischerei.

Trotz allem ein artenreicher Fluss

Zwar ist die Vielfalt der Fischfauna im Hochrhein gemäss der Sektion Jagd und Fischerei nach wie vor hoch. Empfindliche Arten kämen aber nur noch in geringen Beständen vor. Kurz: Der Fischbestand sei stark eingebrochen. «In 45 Jahren haben die Fänge im gesamten Hochrhein um 75 Prozent abgenommen.» Ein Rheinfischer brauche im Durchschnitt fünf Stunden, um einen Fisch zu fangen. Thomas Stucki spricht von einem Abwärtstrend in den letzten Jahrzehnten.

Ob die laufenden Massnahmen an den Gewässern Erfolge bringen, werde sich zeigen müssen, meint der Fischereiaufseher. Beim Umgehungsgewässer in Leibstadt werde eine Aufstiegskontrolle durchgeführt und allenfalls würden Verbesserungen vorgenommen. Beim Wehrkraftwerk stünden nach gewissen Zeiträumen Erfolgskontrollen auf dem Programm. Zur Erinnerung: Die Collection Gallery, eine Sammeleinrichtung, erlaubt es den Fischen, aus dem Turbinenauslauf heraus den Aufstieg zu finden.

«Wollen ein Zeichen setzen»

Dass die Vielfalt am Hochrhein grösser wird, hoffen die Naturschützer und Fischer auf Schweizer und auf deutscher Seite. Thomas Studinger, Vorsitzender des Sportfischervereins Waldshut und Umgebung, bezeichnet in der Zeitung «Südkurier» die in Leibstadt getroffenen Massnahmen als Verbesserung.

Diesen Aussagen stimmt Hans Brauchli, Präsident des Aargauischen Fischereiverbandes, zu. Mit der erhöhten Wasserabgabe in den Altrhein sowie mit dem Umgehungsgewässer würden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Die Wiederansiedlung des Lachses sei das grosse Ziel, erklärt Brauchli und weist darauf hin, dass in den letzten drei Jahren im Rietheimer Bach Lachse eingesetzt wurden – pro Jahr um die 1000 Stück. «Wir sind aktiv und wollen ein positives Zeichen setzen.» Gleichzeitig warnt der Präsident des Fischereiverbandes davor, allzu euphorisch zu sein und allzu grosse Erwartungen zu haben. Denn beim Rhein handle es sich um ein komplexes System mit mehreren Kraftwerken. Langdistanzwanderer wie der Lachs müssten einige Hindernisse überwinden. Es gelte, überall die bestehenden Defizite zu beseitigen. «Alle Anlagen müssen intakt sein.» Ausserdem, so fährt Brauchli fort, sei für den Lachs nicht nur der Aufstieg, sondern auch der Abstieg mit Gefahren verbunden. Nur wenn das Projekt «Lachs 2020» länderübergreifend ernsthaft an die Hand genommen werde, könne mit einer Wiederansiedlung gerechnet werden.