Zürich

Wie ein Puzzle aus 10 000 Teilen

wie im jahre 1708 Damit die Rundung richtig gerät, hat Schreiner und Restaurator Hans Rentsch seinen Hobel mehrmals abgeändert.  (Reto Schneider)

Hans Rentsch hobelt

wie im jahre 1708 Damit die Rundung richtig gerät, hat Schreiner und Restaurator Hans Rentsch seinen Hobel mehrmals abgeändert. (Reto Schneider)

Im November 2007 fiel das Zunfthaus zur Zimmerleuten und mit ihm auch die Holzdecke des grossen Saals einem Brand zum Opfer. In einem aufwändigen Prozedere restauriert Hans Rentsch die verkohlte Felderdecke.

Andrea Kucera

Ein Arsenal an verkohlten Holzstücken, ein ungenauer Plan aus dem Jahre 1905 und eine Handvoll Fotografien der intakten Decke. Aufgrund dieser Indizien soll Schreiner Hans Rentsch die Felderdecke im grossen Saal des Zunfthauses zur Zimmerleuten rekonstruieren - keine leichte Aufgabe.

Obwohl die Restauration von Inneneinrichtungen alter Häuser sein Spezialgebiet ist, bedeutet dieser Auftrag für Rentsch eine besondere Herausforderung. Die über 120 Quadratmeter grosse Decke besteht aus mehreren hundert Einzelteilen, die durch den Brand vor eineinhalb Jahren fast vollständig zerstört worden sind. Vom ehemaligen Prunkstück des Zunfthauses sind nur noch wenige zusammenhängende Stücke und eine Vielzahl verkohlter Trümmer übrig.

In einem ersten Schritt legte Rentsch die Originalteile auf einem Hallenboden aus und versuchte, einzelne Deckenpassagen zu rekonstruieren - ein ziemlich aufwändiges Unterfangen, das ihn zwei ganze Arbeitswochen kostete: «Es war, wie wenn man ein Puzzle aus 10 000 Teilen vor sich hat.» Letztlich gelang es ihm mithilfe eines fehlerhaften alten Plans, die ursprüngliche Anordnung der Holzteile zu eruieren.

In einem zweiten Schritt erstellte Rentsch zusammen mit Architekt Ernst Rüegg einen neuen Plan der Felderdecke. Kopfzerbrechen bereiteten den beiden Männern dabei die speziellen Masse des grossen Saales: Alle vier Wände sind ungleich lang, der Raum folglich nicht rechtwinklig.

Gehobelt oder gedrechselt?

Stundenlang brütete Rentsch in seiner Werkstatt mit Zirkel und Lineal über dem Plan. Zog Linien und Kreise, um der Deckenkonstruktion auf die Schliche zu kommen. Die strenge Geometrie, die der damalige Schreiner, Georg Bachofen, 1708 in diesen unmöglichen Raum gezaubert habe, findet er «schlicht genial».

Inzwischen hat Rentsch das Rätsel fast gelöst. Nun geht es an die Umsetzung. Obwohl heute ein Grossteil der Arbeit maschinell besorgt werden könnte, möchte Rentsch die Decke nach alter Handwerksmanier konsequent von Hand wiederherstellen. Er habe nicht grundsätzlich etwas gegen Maschinen, führt er aus.

Aber wenn schon nach einer historischen Vorlage gearbeitet werden soll, dann richtig: Der Fachmann nimmt an, dass die Teile der Decke aus Fichtenholz gedrechselt, und die edleren Nussbaumholzpassagen gehobelt wurden. Er hat deshalb eigens für diesen Auftrag spezielle Hobel angefertigt, wie sie 1708 vermutlich zur Anwendung gelangten.

Um die Fertigstellung der Felderdecke planmässig bis zum Sechseläuten 2010 bewältigen zu können, bekommt Rentsch Unterstützung von der Lehrwerkstätte für Möbelschreiner der Stadt Zürich. Die Lehrlinge werden ihm bei der langwierigen Hobelarbeit zur Hand gehen - und lernen nebenbei, wie das Schreinerhandwerk vor 200 Jahren im Gegensatz zu heute ausgesehen hat.

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