Artisten
Wie die Zirkusfamilie Nock in die USA kam – und das Publikum noch heute zum Staunen bringt

Die Zirkus-Dynastie Nock hat viele erfolgreiche Artisten hervorgebracht. Seit bald 70 Jahren raubt sie mit ihren Stunts auch dem Publikum in den USA den Atem. Ein Familienzweig ist in Übersee geblieben – und hat sich durchgesetzt.

Mark Walther
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Clown Pio ist am 7. März 1993 an der Premiere des Circus Nock in Frick AG in seinem Element.
37 Bilder
Pio (Pius) Nock ist eines der berühmtesten Mitglieder der Nock-Familie. Er tritt auch im Circus Knie oder – wie hier – im Circus Pilatus auf.
Pio ist der Cousin von Franz Nock, dessen Töchter den Circus Nock zuletzt führen. Die Bilder zeigen ihn Mitte der 1950er-Jahre im Circus Pilatus. Er ist mit der Tochter des Pilatus-Direktors verheiratet.
Pio wird als Clown, der über das Hochseil tanzt, berühmt – auch international.
Im US-Film Circus-Welt (1964) hat er einen Auftritt an der Seite von Westernlegende John Wayne. Nock spaziert als Clown-Double auf einem Hochseil über einen Löwenkäfig.
Pio begibt sich im Programm des Circus Knie an der Expo 64 mit dem Fahrrad aufs Hochseil.
Pio stirbt 1997 77-jährig während einer Vorstellung im Winterzirkus "Maskerade" in Dortmund.
Pio war der Grossonkel von Hochseilartist Freddy Nock.
Der Circus Nock ist der älteste Zirkus der Schweiz.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts reist die Familie Nock mit Arena und Zirkus durch das Land.
Die Bilder stammen aus einer Fotoreportage aus dem Jahr 1961 in Solothurn.
Der Zirkus wird Ende des 19. Jahrhunderts auch Bündner Nationalzirkus genannt.
Mit Zelt, eigenem Orchester und Elefanten geht es in die Alpentäler um Davos. Die Passüberquerungen sind teilweise spektakulär.
Auftritt mit einem Esel 1961 in Solothurn. 2018 umfasst der Tierbestand 10 Pferde, 5 Ponys, 2 Esel, 2 Kamele, 2 Lamas und ein Zebra.
Mehrmals wird das Zelt der Nock vom Wind zerstört. Ab 1942 ist der Zirkus zwölf Jahre ohne Zelt unterwegs.
Es folgen weitere Bilder von der Vorstellung 1961 in Solothurn.

Clown Pio ist am 7. März 1993 an der Premiere des Circus Nock in Frick AG in seinem Element.

Keystone

Der Circus Nock ist am Ende. Finanzielle Probleme und das komplexer gewordene Geschäft haben die Familie zur Aufgabe bewogen. Mit dem Circus mit Sitz in Oeschgen AG verschwindet der älteste Schweizer Zirkus aus der Unterhaltungsbranche.

In der Geschichte der Dynastie brachten es einige Nocks zu grosser Bekanntheit. Einer der ersten war Pius Nock, der als Clown Pio weltweit berühmt wurde. Pios Spezialität waren die Auftritte als Clown auf dem Hochseil. In seinem berühmtesten Akt amüsierte er das Publikum, indem er unbeholfen über ein Löwengehege balancierte und sich immer wieder vor dem fatalen Fall rettete.

Das brachte ihm eine Filmrolle ein: 1964 zeigte er seinen Hochseilakt im Film Circus-Welt mit Western-Legende John Wayne in der Hauptrolle. Er trat als Double von Richard Conte auf, der einen Artisten verkörperte.

Der Auftritt von Pio in "Circus-Welt":

Ein prägendes Ereignis erlebte Pio 1973: Er stürzte im New Yorker Madison Square Garden vom Hochseil in den Löwenkäfig. Das brachte ihm eine Nachricht auf der Frontseite der "New York Times" ein. Der Zwischenfall vor 17'000 Zuschauern ging glimpflich aus: Pio kam ohne ernsthafte Verletzungen davon. Der Löwendompteur bremste seinen Fall ab und hielt die Tiere von ihm fern. "Es war wie ein Wunder aus der Bibel", kommentierte Pio sein Glück im Unglück.

Der balance-starke Clown war der Cousin von Franz Nock, dessen Töchter Franziska und Alexandra den Zirkus zuletzt in siebter Generation führten. Pio starb 1998 im Alter von 77 Jahren nach einem Zusammenbruch in der Manege eines Winterzirkusses in Dortmund.

Ebenfalls zu grosser Bekanntheit brachten es Pios Geschwister Elizabeth, Charles und Eugen. Sie stehen am Ursprung des Familienzweigs Nock in den USA, der bis heute im Artistengeschäft tätig ist. Der Stern des Trios ging 1954 auf, als die drei Schweizer für einen Auftritt nach London eingeladen wurden, den auch Queen Elizabeth verfolgte. Fortan traten sie unter dem Namen "Nerveless Nocks" auf. Sie liessen sich in den USA nieder, wo sie grosse Erfolge feierten. Die "Nerveless Nocks" existieren noch heute: Die aktuellen Mitglieder heissen gemäss ihrer Website Michelangelo, Carolina Espana, Angelina und Cyrus Nock. Sie rühmen sie sich einer 173-jährigen Geschichte. Damit rechnen sie grosszügiger als ihre Verwandten in der Schweiz, die nächstes Jahr das 160-Jahre-Jubiläum gefeiert hätten.

Video eines Auftritts der Nerveless Nocks 2009 im "Todesrad":

Einen eigenen Weg schlug Bello Nock ein. Der Sohn von Eugen trat im Alter von drei Jahren erstmals für die "Nerveless Nocks" vor Publikum auf. Der heute 50-Jährige startete später als Stunt-Clown durch. Grosse Ehre liess ihm das Time Magazine 2001 zukommen: Er erhielt die Auszeichnung als Amerikas bester Clown. Auch Bello wagt sich als Artist in grosse Höhen, wie der folgende Auftritt in America's Got Talent 2017 zeigt:

Nock flog relativ früh aus der Casting-Show, kam dank einer Wildcard aber zurück. Im Viertelfinal war definitiv Schluss.

Für seine Auftritte erhielt er mehrere Auszeichnungen. 2011 gewann er den Golden-Clown-Award in Monaco:

Stunt-Clown Bello Nock erhielt 2011 den Golden-Clown-Award von Prinz Albert II von Monaco und Prinzessin Stephanie während der Gala des Internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo.

Stunt-Clown Bello Nock erhielt 2011 den Golden-Clown-Award von Prinz Albert II von Monaco und Prinzessin Stephanie während der Gala des Internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo.

Keystone

Der hierzulande bekannteste und wohl waghalsigste Nock ist heute Hochseilartist Freddy, der Grossneffe von Clown Pio. Er hält diverse Weltrekorde: 2006 lief er 24 Stunden lang im "Todesrad" und legte 135,4 Kilometer zurück. 2018 verbesserte er den Rekord auf 25 Stunden. "Das war der letzte Radrekord", sagte der heute 54-Jährige. Im November stellte er den Rekord im Dauersitzen auf einem Stuhl auf einem Hochseil auf: 8 Stunden, 30 Minuten, 55 Sekunden.

Weltrekord für Freddy Nock im "Todesrad":