Wie aus Grabsteinen Recycling-Kies wird

Das Leben nimmt seinen Lauf und findet irgendwann sein Ende. So auch die Totenruhe auf dem Friedhof. Derzeit müssen in Untersiggenthal 150 Gräber weichen.

Sandra Kohler

Mitten im Wald gelegen, friedlich, ruhig - lediglich Vogelgezwitscher ist zu hören. Die Sonnenstrahlen dringen durch die Baumwipfel und werfen lustige Schatten auf die Gräber. Plötzlich dröhnt und rattert es. Der Bagger greift mit seiner Zange nach einem Grabstein und reisst ihn mit einem Ruck aus dem Boden - gnadenlos. 250 Kilogramm Stein schweben durch die Luft. Und damit auch ein Teil der Erinnerung an einen Menschen.

Angehörige haben die Grabräumung angeregt

Während zweier Wochen werden rund 150 Gräber auf dem Friedhof Schachen in Untersiggenthal geräumt. Zwei Urnenfelder und zwei Felder mit Erdbestattungen. Die ältesten Gräber sind aus dem Jahr 1969, die jüngsten von 1984.

Die Baggerzange beisst wieder zu. Ein Stein nach dem anderen verlässt seinen Platz. Brachial mutet das ganze an, aber nur im ersten Augenblick. Die Vergänglichkeit des Lebens äussert sich auch auf dem Friedhof. Es wird Platz für Neues geschaffen.

Die Gräber werden aber nicht etwa aus Platznot geräumt, sondern weil einerseits die Totenruhe nach 25 Jahren abgelaufen ist und überdies einige Angehörige die Räumung bei der Gemeinde angeregt haben. «Viele Angehörige wollen oder können sich zum Teil nicht mehr um die Gräber kümmern und haben sich bei der Gemeinde erkundigt, wann die Gräber geräumt werden», sagt Sandra Thut, stellvertretende Gemeindeschreiberin. Die Menschen scheinen nach einigen Jahren Abschied genommen zu haben.

Gartenbaufirma erledigt die Räumung

«Nur wenige wollen den Stein behalten», sagt Matthias Wüthrich, Mitarbeiter Haus- und Werkdienst mit Zuständigkeit Friedhof. Von rund 150 Steinen werden es höchstens sechs sein, schätzt er. Die restlichen wird die Gartenbaufirma schreddern und zu Recyclingkies verarbeiten.

«Einige dieser Gräber habe ich noch von Hand geschaufelt», erinnert sich Wüthrich. Er arbeitet seit 1984 auf dem Friedhof und könnte viele Geschichten von Bestattungen und Angehörigen erzählen, die sich an seiner Schulter ausgeweint haben. Der 51-Jährige hat gelernt, sich tagtäglich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Oftmals alleine auf dem Friedhof - mit Eidechsen und Eichhörnchen als Gefährten.

«Ich will keinen englischen Rasen»

Nach den Grabsteinen wird die Bepflanzung entfernt. «Gegraben wird aber nicht und die Überreste der Särge, die sich in 1,8 Meter Tiefe befinden, werden im Erdreich belassen», erklärt Wüthrich. Dann wird das Feld ausgeebnet und eine Schicht Humus aufgetragen. Zum Schluss wird Blumenrasen angesät. «Ich will keinen englischen Rasen, Blumenrasen passt besser in diese Umgebung», sagt Wüthrich.

Neue Gräber werden frühestens in 20 Jahren auf das geräumte Feld kommen. Derzeit bietet die Erweiterung des Friedhofes noch genügend Platz.

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