Bär

Weshalb Zoo-Bär Finn von Winterschlaf nichts wissen will

Bärenmutter Björk und eines ihrer zwei Kleinen.

Zoo-Bären lassen den Winterschlaf oft aus

Bärenmutter Björk und eines ihrer zwei Kleinen.

Seine wilden Artgenossen verschlafen die kalte Jahreszeit. Finn, dem frischgebackenen Vater aus dem Berner Bärenpark, ist das egal: Er war hellwach die letzten Monate – anders seine Gattin.

Martin Amrein

Unermüdlich wühlt Finn im Boden und buddelt nach Pilzen, Würmern und Insekten. Die stundenlange Graberei bleibt nicht ohne Spuren: Sein Fell steht vor Dreck. Was seit einigen Wochen fast täglich im Berner Bärenpark zu beobachten ist, passt nicht so recht zur Jahreszeit. Obwohl sich der März gerade von seiner sonnigen Seite zeigt, müsste sich der umtriebige Finn als richtiger Braunbär eigentlich noch immer im Winterschlaf befinden.

Seine Artgenossen in der Wildnis verharren momentan jedenfalls noch im Energiesparmodus: Wilde Braunbären ziehen sich jeweils von Oktober bis April für einen Winterschlaf zurück. Herzschlag, Atmung und Körpertemperatur sind dabei zurückgefahren, die Tiere zehren von ihren Fettreserven.

Finn mag als frischgebackener Vater von zwei Jungbären etwas unruhiger sein als sonst (siehe Kasten). Trotzdem ist er nicht etwa zu früh aus dem Winterschlaf erwacht, er hat ihn gar nicht erst angetreten. Unausgeschlafen ist er deswegen nicht: «Winterschlaf ist kein Schlaf im herkömmlichen Sinn, sondern eine Notfallmassnahme bei Nahrungsmangel», sagt der Physiologe Gerhard Heldmaier von der Universität Marburg. «Wenn ein Tier den Winterschlaf nicht antritt, ist das keineswegs schädlich.»

Für Erinnerungsvermögen ein Vorteil

Im Gegenteil: Für Finns Erinnerungsvermögen ist sein Wachzustand sogar ein Vorteil. Studien an Zieseln – eine Gattung der Erdhörnchen – haben gezeigt, dass während des Winterschlafs Gedächtnislücken entstehen können. Verantwortlich dafür ist die Degeneration einzelner Nervenendigungen, die beim Herunterkühlen des Gehirns auftritt.

Dabei gäbe es einiges, was Finn wohl lieber vergessen würde – etwa den 21. November letzten Jahres. Damals wurde der dreijährige Bär angeschossen, weil er einen Mann attackierte, der in sein Gehege eingedrungen war. Lange Zeit war unklar, ob das Tier überhaupt überlebt, mittlerweile geht es ihm aber wieder gut: «Finn ist gesund und verhält sich so, als wäre nie etwas geschehen», sagt Marc Rosset, Kurator des Tierparks Dählhölzli.

«Dass Tiere in Gefangenschaft den Winterschlaf auslassen, ist keine Seltenheit», so Heldmaier. «Manche Zoos beschäftigen ihre Schützlinge bewusst und stellen ihnen Futter bereit, um den Drang zum Ruhemodus zu unterdrücken.» Zur Freude der Besucher, die dann nicht vor leeren Gehegen stehen. Das bestätigt Rosset: «Man kann durchaus beeinflussen, ob sich Bären in den Winterschlaf begeben oder nicht. So fördern die meisten skandinavischen Zoos den Winterschlaf, indem sie die Nahrungsknappheit der winterlichen Natur nachahmen und die Fütterung drosseln.» Das Vorgehen hänge ganz von der Philosophie des Tierparks ab.

Warme Temperaturen halten Bären munter

Das gleichewäre in der Schweiz schwieriger: Im Gegensatz zum Norden erreichen in Bern die Temperaturen im Winter häufig Werte über null Grad Celsius. Das hält die Braunbären munter. Deshalb versuchen die Tierpfleger des Bärenparks, die Bedürfnisse ihrer Tiere richtig einzuschätzen, und füttern sie dementsprechend.

Während Finn, der im Herbst keinerlei Anstalten zum Winterschlaf zeigte, täglich nach versteckten Leckereien suchen darf, bekommt seine Partnerin Björk derzeit trotz Mutterglück kein Futter. «Sie hat sich im Spätsommer ein Fettpolster zugelegt und hält einen abgeschwächten Winterschlaf in ihrem Stall», sagt Rosset.

Nur zwei- oder dreimal täglich kommt Björk nach draussen, um etwas zu trinken. In den letzten Tagen sogar in Begleitung der Jungtiere. Anders als Finn, der schon als zweijähriger Jungbär nach Bern kam, verbrachte Björk ihre ersten vier Lebensjahre in einem dänischen Zoo, wo sie jeweils Winterschlaf hielt. Diese Gewohnheit hat sie bis heute nicht ganz abgelegt.

Mumeltiere schlafen immer

Überhaupt nicht beeinflussen lassen sich dagegen die Winterschlafgewohnheiten anderer Bewohner des Tierparks Dählhölzli. Die Murmeltiere und die Ziesel sind obligate Winterschläfer: Ein inneres Programm schreibt ihnen den Ruhemodus vor, selbst wenn genug Nahrung vorhanden ist. «Schon Ende August graben sich die Ziesel jeweils ihre zwei Meter tiefen Löcher», berichtet Rosset.

Anders als die Murmeltiere, die in Familienhöhlen überwintern, verbringen die mit den Eichhörnchen verwandten Ziesel die kalte Jahreszeit in Einzelunterkünften. Einen speziellen Trick hätten dabei die männlichen Tiere, sagt Rosset: «Die Ziesel-Männchen gehen besonders früh in den Winterschlaf, womit sie im Frühling zu den Ersten gehören, die wieder wach sind. Geduldig warten sie dann vor den Höhlen der Weibchen mit der Absicht, diese zu begatten.»

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