Textildruckerei

Werkzeuge aus der Textildruckerei gehen ins Museum Aargau

Genauigkeit ist gefragt: Ferdinand Rätzer führt den Holzmodeldruck vor – im Hintergrund weitere alte Model und das «Chassis » (links). (nbo)

Textildruckerei

Genauigkeit ist gefragt: Ferdinand Rätzer führt den Holzmodeldruck vor – im Hintergrund weitere alte Model und das «Chassis » (links). (nbo)

Ferdinand Rätzer, Ehemann von Druckereibesitzerin Ulrike Rätzer, zeigt, wie vor 200 Jahren Stoff bedruckt wurde. Museum Aargau möchte dies in einer Filmdokumentation festhalten.

Nadine Böni

«An den Maschinen hing ich nicht so sehr», sagt Ferdinand Rätzer und fügt schmunzelnd an: «Über sie ärgerte ich mich wegen der vielen Reparaturen oft.» Ferdinand Rätzer und seine Frau Ulrike, Besitzerin der Textildruckerei Suhr, nehmen dieser Tage Abschied von der Druckerei. Im März dieses Jahres musste der Betrieb Konkurs anmelden. Nun werden die Maschinen abgebaut, die ältesten Druckwerkzeuge holt die Dachorganisation Museum Aargau ab - wo oder wann sie dereinst ausgestellt werden, ist noch nicht klar.

Leicht fällt den Rätzers der Abschied nicht. Ferdinand arbeitete während 15 Jahren in der Druckerei, Ulrike wuchs mit der Druckerei auf. Gleichzeitig verspüren die beiden aber auch «eine grosse Erleichterung», wie Ulrike Rätzer sagt. «Wir sind froh, dass die alten Materialien in gute Hände kommen und gut aufbewahrt werden. Wenn sich niemand dafür interessiert hätte, täte es noch mehr weh.»

Zu den Werkzeugen, für die sich Aargau Museum interessiert, gehören rund 200 Jahre alte Holzmodel - eine Art überdimensionale Stempel aus Holz, in die ein Muster geschnitzt wurde. Ferdinand Rätzer ist einer der wenigen, die noch wissen, wie damit gedruckt wurde. Gelernt hat er das Handwerk von Richard Rudolf Wieland, einem berühmten Schweizer Drucker. «Es ist interessant, wie damals gedruckt wurde», erklärt Rätzer, «Heute ist das kaum noch vorstellbar.»

60 Meter langer Drucktisch

Holzmodelstecher schnitzten die Muster in das Apfel- oder Birnbaumholz des Models - später wurden auch Messingstifte und -bänder oder in Blei gegossene Motive aufgenagelt. Auf dem bis zu 60 Meter langen und fast zwei Meter breiten, mit Filz bezogenen Drucktisch sei dann der Stoff «fadengerade aufgegüfelt» worden, wie Ferdinand Rätzer erklärt. Dies, damit er beim Druck nicht verrutscht.

Auf dem Drucktisch installiert war ein Wagen mit dem «Chassis» - ein Holzrahmen mit Farbfilz, der als eine Art Stempelkissen funktionierte. Der Drucker dippte nun das Model gleichmässig im Chassis und drückte es dann vorsichtig auf den Stoff. Mit dem so genannten «Schlegel» schlug der Drucker auf die Ecken des Models, um die Farbe gleichmässig auf den Stoff zu pressen.

Bei mehrfarbigen Motiven wurde für jede einzelne Farbe ein anderes Model benutzt. «Die Drucker mussten dementsprechend genau arbeiten», sagt Rätzer und schmunzelt: «Genauer als ein Uhrmacher.» Ein Rapport wurde neben den anderen gedruckt. Der Übergang musste möglichst unsichtbar sein, das Muster fortlaufend wirken. Mit einer Fläche von etwa 60 Quadratzentimetern und einer Dicke von mehreren Zentimetern hatten die Model ein beträchtliches Gewicht.

Als in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Siebdruck aufkam, bedeutete dies das Ende des Modeldrucks. «Viele Tonnen Model wurden damals in den Dampfkesseln verbrannt», weiss Ferdinand Rätzer. Ulrike Rätzer erinnert sich: «Ende der fünfziger Jahre explodierte in der Druckerei beinahe ein Dampfkessel. Als Ersatz für diesen lehnte man einen Dampftriebwagen der SBB aus. In diesem wurden viele alte Holzmodel verbrannt.» Einige aber wurden - wenn auch mehr schlecht, als recht - aufbewahrt. In der Textildruckerei Suhr lagern noch heute einige Model.

Prozess filmisch festgehalten

Den Prozess des Druckes mit Holzmodel darf Ferdinand Rätzer demnächst einem Filmteam von Museum Aargau vorführen. Dieses möchte eine Dokumentation erstellen. Ferdinand Rätzer freut das: «Ich bin froh, dass das festgehalten wird. Es wäre schade, wenn dieses Stück Geschichte verloren ginge.»

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