Julian Perrenoud

Er blickt in die Runde müder, ausdrucksloser Gesichter. Ueli Simon sagt die Worte, die er in den letzten zehn Jahren oft gesagt hat: «Ihr seid hier, weil ihr eure Arbeit verloren und euch bei der Arbeitslosenversicherung angemeldet habt.» 21 Ohrenpaare hören dem Berater der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) zu, an diesem Informationsanlass im reformierten Kirchgemeindehaus. Dem letzten im Monat September. Die 21 Anwesenden haben sich erst gerade bei der Arbeitslosenversicherung angemeldet. Der Informationsanlass ist Pflicht. Alle nesteln in weissen A4-Couverts, die ihnen die Wohngemeinde zugestellt hat. Broschüren für Bewerbungen, Vorstellungsgespräche, Blätter für Anträge auf Taggeld, Standortbestimmungen, Nachweise für Arbeitsbemühungen. Viele Zettel, viele Farben, viele Kästchen, die es anzukreuzen gilt. Die Anlässe sollen helfen, damit keiner die Übersicht verliert. RAV-Berater Simon leitet sie seit zehn Jahren, diesmal hören nur wenige zu. Aber er weiss: Nächsten Dienstag sind es bestimmt über 60. Anfang Monat sind es immer mehr.

In Langenthal suchen viele eine Stelle

Obschon Fachleute Licht am Ende des Tunnels sehen wollen, drücken Rezession und Deflation weiter von oben herab. Arbeitnehmer aus allen Schichten werden auf den Markt gespült. Kantonal waren es im August laut der Berner Wirtschaft Beco 20 169 Stellensuchende (davon 14 037 Arbeitslose), 7000 mehr als letztes Jahr zur selben Zeit. In der Stadt Langenthal stieg die Zahl Stellensuchender von 230 auf 412 (davon 309 Arbeitslose). Das entspricht einem Zuwachs von 3,0 auf 5,3 Prozent. Die Kost, die Simon seinen Zuhörern an diesem Morgen serviert, ist schwer verdaulich. Er sagt, wie sie den Antrag auf Arbeitslosenentschädigung ausfüllen müssen. Er sagt, dass beim ersten Taggeld niemand erschrecken soll. Es wird um einiges tiefer sein als der letzte Lohn. Martha Venzil* hört angestrengt zu. Fast 62 ist sie. Ein denkbar schlechtes Alter, arbeitsbedingt. 2004 verlor sie ihre erste Stelle, eine Welt brach zusammen. Seit Anfang September hat sie wieder keine Arbeit, Dossiers zum Bewerben hat sie geschrieben. Ihre Prognose: «Es wird schwierig.»

Ausschlaggebend für die Arbeitslosenkasse ist, warum der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer gekündigt hat. War es Selbstverschulden? Ist die Kündigung fristlos, kommen die Arbeitslosen aus einer Probezeit oder der Schule? Wie alt sind sie, seit wann ohne Stelle? All dies beeinflusst Höhe und Dauer, in der das Taggeld fliesst (siehe Kasten). Die Langenthaler RAV-Berater werden mit Klienten überhäuft. Im Mai stellte das Beco fünf neue Berater ein - jetzt sind es 14. Bis sie bewilligt und ausgebildet sind und ihre Stelle angetreten haben, dauert es. Ein volles Pensum umfasst 130 Personen. Die Gespräche verlaufen emotionaler als der Infoanlass, vielen Stellensuchenden geht es um die Existenz und an die Nerven. Nach zwei Stunden erdrückender Informationslast ist im Kirchgemeindehaus Pause. Martin Gfeller*, 40, lehnt draussen gegen ein Steinmäuerchen. Steckt sich eine Zigarette an. Bürojob in einer Garage seit 25 Jahren, ohne Stelle seit 1. September. Zu wenig Arbeit. «Ich bin mir nicht zu schade, hierher zu kommen», sagt er. Jetzt sucht er Projekte in einem anderen Arbeitsbereich.

Arbeit verloren, weil sie schwanger ist

Falls der RAV-Berater eine offene Stelle findet, muss sein Klient diese annehmen, ausser wenn sie unzumutbar ist. Sprich: Die Arbeit schadet der Gesundheit oder der Weg dorthin dauert täglich mehr als vier Stunden. Verletzt der Stellensuchende seine Pflichten, zahlt ihm die Arbeitslosenkasse während einer gewissen Zeit kein Taggeld aus. Attraktiv sind Zwischenverdienste: Innerhalb einer Kontrollperiode erwerben die Stellenlosen eine selbständige oder unselbstständige Arbeit. Der Vorteil: Ende Monat haben sie mehr Geld, sparen Taggelder und bleiben im Arbeitsmarkt aktiv.

Ende der Pause. Mara Burkhalter*, 25, läuft zurück in den Saal. Am 22. September hat sie ihre Arbeit verloren, weil sie schwanger ist. Eine Probezeit im Hotelbereich. Das erste Gespräch mit ihrem RAV-Berater hat sie nun hinter sich.

Damit es überhaupt Taggeld gibt, müssen sich die Arbeitslosen für eine neue Stelle bewerben. Die Zahl der Bewerbungen vereinbaren sie mit ihrem Berater. Sie müssen diese schriftlich nachweisen. Jeder Monat ohne Arbeit schmälert ihre Marktchancen. Nach einem halben Jahr, sagt Simon, sinken die Erfolgsaussichten rapide. Er rät, Stelleninserate und das eigene Beziehungsnetz zu durchkämmen. Falls es tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch kommt, müssten die Bewerber pünktlich dort sein. Simon sagt: «Diese Chance bekommt ihr nur einmal. Wer sie nicht nutzt, ist selber Schuld.» Schliesslich wartet auch der Neun-Uhr-Zug am Bahnhof nicht bis fünf nach neun.

*Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes sind diese drei Namen frei erfunden.