Wer rechnet hier schon mit einem Hirsch?

Nach all den Gewittern und Regentagen verspricht der Wetterdienst endlich Sonne und blauen Himmel. Also los, auf die vierte Etappe der Velotour um das Gebiet des Langenthaler Tagblatts und der Berner Rundschau. Doch die schwarzen Wolken halten sich hartnäckig. Dafür ist die Luft zwischen Huttwil und St. Urban frisch und sauber gewaschen.

Hans Peter Schläfli

Ein letzter Blick auf die Geranien des Blumenstädtchens, und dann geht es in Huttwil links über die Bahngeleise. Der erste Stutz lässt nicht lange auf sich warten. Doch an der Sonnegg kann man es auch langsam angehen lassen, indem man den langen Kehr über die Bubenbergstrasse wählt. Auf der Anhöhe die erste schöne Überraschung: Das Blumenfeld der Familie Nyffeler leuchtet in allen Farben. Für wenige Franken kann man sich hier seinen eigenen Blumenstrauss zusammenstellen.

Frühreif. Das muss der Hirsch denken, wenn er auf das Geweih der Mountainbikes schaut. Denn seines ist erst am Wachsen, damit er für die Brunstzeit im Herbst parat sein wird. Die Überraschung ist beidseitig, wer rechnet schon wenige Meter ausserhalb der Siedlung mit einer solchen Begegnung? Der Hirsch fasst sich schnell. Er verschwindet mit ein paar langen Sätzen über die Wiese in den Wald.

Rechts geht es nach ebendiesem Wald Richtung Hermandingen. Dieser Weiler, der zur Gemeinde Auswil gehört, hat mit dem Vornamen Hermann nichts zu tun. Er hiess einst Hedmeringen oder Hermeringen. Schon 1254 wird ein Gut Hermeringen genannt. Die Abtei St. Urban kaufte es damals für Heinrich, genannt von Balm. 755 Jahre später wäscht vor der Käserei Werner Gerber seine Utensilien (siehe Text unten rechts) und gewährt einen Blick auf seine reifenden Emmentaler.

Eine verschwundene Kapelle

Die freundlichen Leute von Freibach sitzen gerade beim Mittagessen. Auf die Frage nach der Wallfahrtskapelle schauen sich die Freibacher aber etwas ratlos an. «Zur Zeit des Spätmittelalters genoss der einsame Weiler Fribach bei Gondiswil als viel besuchter Wallfahrtsort grosses Ansehen. Diese Ehre verdankte Fribach seiner Muttergotteskapelle, über deren Gründung leider keine Stiftungsurkunde nähere Auskunft gibt.» So steht es in einem Beitrag im Jahrbuch des Oberaargaus aus dem Jahr 1963 von Hans Würgler. Doch die Kapelle, die 1280 erstmals urkundlich erwähnt wurde, gibt es gar nicht mehr. Was Hans Würgler nie erwähnte, weil es für ihn wohl zu selbstverständlich war: Vor der Strassenkreuzung soll diese gestanden haben, bis sie zur Reformationszeit zerstört wurde.

Also weiter: Zwischen zwei Wäldern schwingt sich das Strässchen in sanften Bögen Richtung Reisiswil. Links haltend und das Dorf, das keine 200 Einwohner hat, zunächst rechts liegenlassend, wird der Weg immer stotziger. Zwischen den Einzelhofsiedlungen hindurch geht die Steigung auf die Hohwacht in die Beine. Rund 790 Meter über Meer steht da, mitten im Wald, ein weisser Turm. Und wer es wagt, diesen gut gesicherten Turm zu besteigen, geniesst über die Baumwipfel hinweg an klaren Tagen eine überwältigende Rundsicht.

Eindrucksvoll sollen vor allem die Gipfel der Pilatuskette und das Alpenvorland sein - an klaren Tagen. Wenn die dunklen Wolken dies nicht zulassen, ist auch der Blick über Langenthal nach Oensingen und in die Klus von Balsthal den Aufstieg wert. Es ist Zeit für ein Picknick.

Berührung mit der Herzroute

Die Schussfahrt durch Reisiswil Richtung Melchnau wird nur durch die breiten Traktoren der emsigen Bauern ab und zu gebremst. Die Radfahrer nutzen die verkehrsarme Gegend zu Ausflügen, und besonders die vielen «Flyer» fallen hier auf. Die «Herzroute» führt durch die Gegend, und die Akkus für die gemieteten Elektrovelos können in Madiswil und Affoltern gewechselt werden.

Beim stattlichen Gasthof Linde gilt es, zweimal rechts abzubiegen. Wer an der Melchnauer Kirche vorbeikommt, hat den Abzweiger verpasst ... So geht es zum nächsten Bergpreis. Keine 100 Meter Höhendifferenz, aber so steil, dass man sich oben wie Ferdi Kübler fühlt - einen Tag nach seinem 90 Geburtstag.

Nicht mit Pauken und Trompeten wie einst Ferdi National, aber wenigstens mit Trommelwirbeln folgt die Begrüssung auf dem Schlossberg. Auf dem wird gerade eine «Drumsession» zelebriert. Die freundlichen, jointdrehenden Jugendlichen - und weniger Jungen - stecken hier Fackeln in den Boden, um später die Burgruine Grünenberg ins rechte Licht zu rücken.

Imposante Anlage

«Echo, Echo, Echo» lautet die Antwort auf den Ruf in den 30 Meter tiefen Brunnen mitten in der imposanten mittelalterlichen Anlage, die zwischen 1100 und 1300 ihre Blütezeit erlebt haben soll. Von 1992 bis 1998 wurden die Mauerreste auf dem Schlossberg saniert, und der wertvolle Boden der Burgkapelle aus St.-Urban-Backsteinen erhielt einen neuen Schutzbau.

Den Schwung der Schussfahrt vom Schlossberg kann man durch Melchnau mitnehmen, bis es vor der Bushaltestelle am Dorfausgang rechts Richtung Chlyrot geht. Am Waldrand entlang kommt man links am Naturweiher vorbei. Seit 1999 besteht in der Schweiz ein so genanntes «Inventar der Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung». Der Weiher Chlyrot wurde in dieses Inventar aufgenommen, da dies der einzige Standort im Oberaargau ist, wo der gefährdete Kammmolch noch vorkommen soll. Doch weil der Molch keinen Kamm zurücklässt, ist keine Spur von ihm zu entdecken.

Es ist wie beim Mauerfall 1989: «Die Stimmbevölkerungen der Stadt Langenthal und der Gemeinde Untersteckholz stimmen einer Fusion deutlich zu», liess der Gemeinderat am 23. Juni verkünden. Also schnell ins idyllische Untersteckholz, das es nächstes Jahr schon nicht mehr gibt - wie die DDR. Und die Kapelle von Fribach.

Chorgestühl wieder am Platz

Hier öffnet sich das Emmental definitiv zum Mittelland hin. Von weitem sind die roten Kuppen des Klosters St. Urban zu erkennen. Es wurde 1194 von Mönchen der Abtei Lützel im Elsass mit Unterstützung der Freiherren von Langenstein aus dem Oberaargau gegründet. Die heutige Anlage wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vom Vorarlberger Baumeister Franz Beer errichtet und ist eines der eindrücklichsten Beispiele barocker Baukunst in der Schweiz.

Die Hauptsehenswürdigkeit der Klosterkirche ist das Chorgestühl aus den Jahren 1700 bis 1707. 1848 verscherbelte der Kanton Luzern zur Tilgung der Kriegsschulden an die siegreichen Kantone des Sonderbunds auch das wunderschöne Chorgestühl. Mittlerweile wurde dieses wieder zurückgekauft und an seinem richtigen Platz aufgestellt.

Als hätten wir armen Sünder es verdient: Weil wir die Kirche ohne Beichte verlassen, gibt es zum Abschluss der vierten Etappe über St. Urban noch einen Platzregen.

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