Basel-Stadt
Wer prüft, wer noch fahren darf?

Trotz anderslautender Verordnung und Aufsehen erregender Unfälle genügt in den beiden Basel immer noch ein periodischer Gesundheits-Check beim Hausarzt, um über die Fahrtauglichkeit von Menschen über 70 Jahren zu befinden.

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Unfall

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Aargauer Zeitung

Bojan Stula

Es sind Unfälle wie dieser, die einen Aufschrei in der Öffentlichkeit verursachen: Vor vier Jahren, im Mai 2005, überfuhr ein 82-jähriger Rentner in Brugg eine 15-jährige Velofahrerin. Vom Hausarzt war ihm bescheinigt worden, fahrtauglich zu sein. Und als sich der Rentner erneut hätte untersuchen lassen müssen, ging er einfach nicht mehr zur Kontrolle. Den Führerschein durfte er trotzdem behalten; die Folgen davon waren fatal, der Ruf nach Konsequenzen entsprechend laut.

Nicht erst seit diesem Unfall wird die heutige gängige Praxis infrage gestellt, dass ab dem 70. Lebensjahr eine alle zwei Jahre durchgeführte ärztliche Kontrolle beim Hausarzt genügt, um den Fahrausweis behalten zu dürfen. Experten wie Louis Wittwer, der Geschäftsführer der Motorfahrzeug-Prüfstation beider Basel, stemmen sich schon seit Jahren gegen dieses Vorgehen.

Nicht nur sei ein medizinischer Check allein ungenügend, um über die Fahrtauglichkeit von Senioren zu befinden. Auch seien Hausärzte gegenüber langjährigen Patienten oft befangen und trauten sich deshalb nicht, diese als fahruntauglich zu brandmarken.

Doktor Josef Krähenmann, ein ebenso angesehener wie erfahrener Allgemeinpraktiker aus Münchenstein - mit zahlreichen Patienten über 70 -, berichtet aus eigener Erfahrung: «Es ist für den betroffenen Menschen ein unglaublich entwürdigender Akt, vom Arzt aufs Amt geschickt zu werden, um dort seinen Führerschein abzugeben.»

Darüber hinaus sei jeder Fall derart individuell, dass der vorgeschriebene medizinische Test tatsächlich nicht ausreiche, um zu einem abschliessenden Urteil zu kommen. «Für den einen Senior ist es überlebenswichtig, dass er mit seinem Auto jeden Tag ein paar hundert Meter zum nächsten Lebensmittelladen fahren kann, um dort einzukaufen. Ein anderer fährt Tausende von Kilometern auf unbekannten Strassen in die Ferien. Das sind ganz unterschiedliche Voraussetzungen für einen gültigen Befund.»

Krähenmann verhehlt dabei nicht, dass der jetzige Test von seiner Anlage her - unter anderem müssen die über 70-Jährigen 20 Kniebeuge machen, wonach anschliessend der Puls genommen wird - sehr umstritten ist.

Der Münchensteiner Hausarzt hat für dieses Dilemma einen eigenen Ausweg gefunden: Patienten, bei denen er Zweifel an der Fahrtauglichkeit hegt, schickt er zu einem befreundeten Fahrlehrer. Hinterlässt der Betroffene auch auf der Strasse einen ungenügenden Eindruck, wird er den Behörden gemeldet. Inzwischen vertrauen zahlreiche Hausärzte auf solche und ähnliche Privatinitiativen, während Organisationen wie die Pro Senectute oder der TCS beider Basel freiwillige Check-up-Fahrkurse für Senioren anbieten, die zumindest beim TCS rege genutzt werden.

Doch mit solchen ausschliesslich auf Freiwilligkeit basierenden Lösungen soll bald Schluss sein. Pascal Donati, Leiter der Baselbieter Motorfahrzeug-Kontrolle, bekräftigt seinen Willen, im Verlauf des Jahres 2010 das bisherige Sys- tem zumindest teilweise umzustellen.

Bis in 12 Monaten wollen die Motorfahrzeugkontrollen beider Kantone ihr Netz von Vertrauensärzten so ausgeweitet haben, dass zumindest Seniorinnen und Senioren im fortgeschrittenen Alter von unabhängiger Seite überprüft werden können. Donati denkt dabei an eine Altersschwelle zwischen 80 und 85 Jahren. «Zunächst sind aber die Berufsgruppen der Ausweiskategorien C und D dran», schränkt Donati ein.

Auch Buschauffeure oder Lastwagenfahrer müssen sich regelmässigen ärztlichen Kontrollen unterziehen, auch bei diesen soll nun endlich der Übergang vom Haus- zum Vertrauensarzt erfolgen. Bisher hätten schlicht zu wenige Vertrauensärzte zur Verfügung gestanden, um all diese Personengruppen abzudecken. Die Medizinische Gesellschaft Basel und die Ärztegesellschaft Baselland bereiten ihrerseits Stellungnahmen vor, wie die Fahrtauglichkeit von Senioren in Zukunft besser überprüft werden kann, ohne gleich vom Hausarztprinzip abrücken zu müssen.

Eines will Donati festgehalten wissen: «Hausärzte sind nicht die schlechteren Mediziner als Vertrauensärzte. Aber ich erwarte mehr Mut von den Hausärzten, unangenehme Entscheide zu fällen und die zweifelhaften Fälle auch wirklich der Motorfahrzeugkontrolle zu melden.»

Es gehe niemandem um den generellen Vertrauensentzug gegenüber einer Berufsgattung. Doch es sei nun mal so, dass die eidgenössische Verkehrszulassungsverordnung VZV im Artikel 11 zwingend den Einsatz von Vertrauensärzten oder einer «Spezialuntersuchungsstelle» zur Überprüfung vorsieht. Dieser gesetzlichen Vorgabe hätten die kantonalen Strassenverkehrsämter nachzukommen.

Nicht zuletzt wächst der Druck von Seiten des schweizerischen Strassenopferverbandes «Roadcross». Dieser fordert schon lange, dass in der ganzen Schweiz nur noch Vertrauensärzte die Fahrtauglichkeitskontrollen vornehmen. Darüber hinaus sollen besonders ausgebildete «Fahrbegleiter» im Vier-Jahres-Turnus Senioren bei Testfahrten überprüfen.

Im Gegensatz dazu stehen die Bemühungen des Schweizer Seniorenrats. Mit dem Hinweis auf die besonders stark ausgeprägte Eigenverantwortung von älteren Personen hat sich dieser in der Vergangenheit für die Abschaffung der 70-Jahr-Grenze für medizinische Kontrollen ausgesprochen. Zwischen diesen beiden Extremen müssen nun die kantonalen Strassenverkehrsämter eine Lösung finden.

Was die Hausärzte angeht, so droht diesen eine weitere Einbusse und Einschränkung bei der Berufsausübung. Der Birsfelder Lukas Wagner, Präsident der Ärztegesellschaft Baselland, sähe dabei die «Misstrauenserklärung des Staates an seine Hausärzte» als gravierendste Konsequenz.

Der Dauerclinch mit der Gesundheitspolitik hat die Mediziner jüngst sogar auf die Strasse zum Ärztestreik getrieben. «Wissen Sie, inzwischen sind wir Hausärzte sehr frustrationserprobt geworden», fügt der Allgemeinpraktiker Josef Krähenmann in einem Anflug von Galgenhumor an.