Gericht

Wer hat wen über den Tisch gezogen?

Das Bezirksgericht Aarau muss darüber urteilen, ob ein Reisebüroinhaber seine Kunden betrogen hat oder selber Opfer seines Agenten in der Südtürkei war.

Thomas Röthlin

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. Von unliebsamen Erlebnissen berichtete diese Woche vor Bezirksgericht Aarau ein Zeuge, der mit seiner und einer befreundeten Familie eigentlich schöne Ferien in der Südtürkei hätte verbringen wollen.

Er sei von Anfang an misstrauisch gewesen, erklärte er mit verschränkten Armen. Seine Frau habe die Reise bei diesem Türken gebucht, von dem Landsleute sagten, er sei der grösste Gangster. «Am Flughafen wurden wir gefragt, ob wir auswandern wollten» - die Rückflugtickets fehlten. Diese würden ins Hotel geliefert, habe der Reisebüroinhaber nach telefonischer Rücksprache versprochen.

Im Hotel habe es dann geheissen, die Übernachtungen seien nicht bezahlt. «Wir wurden behandelt wie Sklaven.» Eine Kreditkarte half, doch die Flugtickets trafen nie ein, und das Reisebüro war nicht erreichbar. «Der Herr war auf Kreuzfahrt mit meinem Geld!», ereiferte sich der Zeuge. Auch die Rückflüge mussten selber organisiert und nochmals bezahlt werden.

Krank und ohne Empfang

Der der Veruntreuung Angeklagte, der den beiden Familien laut Staatsanwaltschaft mehrere tausend Franken für die doppelt bezahlten Flüge und Hotelübernachtungen schuldet, erklärte sich leise und mit gewählten Worten. Der Agent vor Ort habe die Buchungen storniert, weil das Geld seiner Kunden nie dorthin überwiesen worden sei.

Seine Frau, die die Buchhaltung machte, nimmt die Schuld auf sich: «Ich war zu hundert Prozent krank.» Der Erholung halber sei die Familie deshalb auf eine Kreuzfahrt gegangen, ein Gratisangebot für Reisefachleute. «Sie gingen selber in die Ferien, obwohl Sie wussten, dass Ihre Kunden in der Türkei festsitzen?!», bohrte Gerichtspräsidentin Karin von der Weid-Gygax nach.

«Ich konnte nichts machen vom Schiff aus und hoffte, es sei alles vom Tisch», sagte der Angeklagte. Das Handy sei tot gewesen, die Stellvertreterin im Reisebüro wegen Schwangerschaft ausgefallen. Zurück in der Schweiz, habe er sofort «alles Geld, das ich hatte», einem Flugpassagier mitgegeben. Zwei Drittel des Gesamtbetrags, doch: «Der Agent wollte mir eins auswischen, und meine Kunden mussten den ganzen Schreck mitmachen.»

«Auf den letzten Rappen»

Das Gericht ist noch zu keinem Urteil gekommen. Es will sich zuerst einen Überblick verschaffen über die Zahlungen zwischen Kunden, Reisebüro, Agent, Hotel und Fluggesellschaft und verlangte vom Angeklagten die entsprechenden Belege.

Dieser - betrieben, vorbestraft wegen Fälschung seines Betreibungsregisterauszugs, ohne Billett in SBB und WSB erwischt und seinen Führerschein wegen Alkohol und Kokain am Steuer los - zeigte sich reumütig. Der einen Familie hat er das Geld zurückbezahlt, wie eine weitere Zeugin bestätigte. Der Zeuge nahm den Strafprozess zum Anlass, eine Zivilforderung zu stellen: 3755 Franken, «die will ich bis auf den letzten Rappen, und zwar innert dreissig Tagen». So schnell sei er dazu nicht in der Lage, sagte der Angeklagte.

«Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?», wollte die Gerichtspräsidentin vom türkischen Ehepaar wissen. «Gesund werden und unsere Schulden abbauen», antwortete die Frau, «wir sind am Kämpfen, aber ich bin optimistisch.» - «Wir haben eine schwere Zeit durchgemacht», doppelte der Mann nach.

Die beiden haben ihr Reisebüro inzwischen ein paar Gemeinden weiter nach Osten verlegt und einen neuen Agenten in der Türkei.

Meistgesehen

Artboard 1