«Wenn nötig durch alle Instanzen»

Soll die alte Kaserne einem neuen Kongresshaus weichen? Der Heimatschutz würde sich heftig dagegen wehren, sagt der Präsident der Stadtzürcher Sektion.

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Fischer

Fischer

Limmattaler Zeitung

Martin Reichlin

Update Kanton und Stadt Zürich favorisieren das Kasernenareal als Ort für ein neues Kongress-haus (wir berichteten). Nach der Ablehnung des «Moneo-Projekts» am See durch das Volk evaluiert das Hochbaudepartement zurzeit vier potenzielle Kongress-Standorte: Seeufer Enge, Zürich West, Car-Parkplatz, Kaserne. Ein Entscheid soll nach einer allgemeinen Anhörung vor den Stadtratswahlen 2010 fallen. (mre)

Update Kanton und Stadt Zürich favorisieren das Kasernenareal als Ort für ein neues Kongress-haus (wir berichteten). Nach der Ablehnung des «Moneo-Projekts» am See durch das Volk evaluiert das Hochbaudepartement zurzeit vier potenzielle Kongress-Standorte: Seeufer Enge, Zürich West, Car-Parkplatz, Kaserne. Ein Entscheid soll nach einer allgemeinen Anhörung vor den Stadtratswahlen 2010 fallen. (mre)

Limmattaler Zeitung

Herr Fischer, haben Sie Militärdienst geleistet?
Markus Fischer: Ja, aber nicht bis zum Schluss. Wie kommen Sie drauf?

Waren Sie in der RS in der Kaserne Zürich einquartiert?
Fischer: Nein, meine Rekrutenschule habe ich in Bremgarten absolviert.

Dann sind Sie also frei von persönlichen Verbindungen mit dem Kasernenareal?
Fischer: Ich bin tatsächlich zu jung, um die Zürcher Kaserne in Armeeuniform kennen gelernt zu haben. Der Beschluss, das Militär ins Reppischtal zu verlegen, wurde ja schon 1975 gefasst.

Seither wird diskutiert, was mit dem Kaserneareal geschehen soll. Es gab Abstimmungen und Wettbewerbe, umgesetzt wurde aber nichts. Woran liegt's?
Fischer: Ich empfinde es nicht als tragisch, wenn nach dem Ende einer Ära nicht subito eine neue Nutzung in ein Gebäude einzieht. Wenn man in längeren Zeiträumen denkt, dann erleben Bauten, die stadtprägend sind und über viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte bestehen, immer einen Nutzungswandel. Dass es dabei Phasen ohne definitiven Zweck gibt, ist normal.

Eine Ursache der Blockade beim Finden einer neuen Nutzung ist doch der grundsätzliche Konflikt um die Frage: Erhalt oder Abriss.
Fischer: Das ist möglich. Aber auch wenn man sich einmal für den Erhalt eines Gebäudes ausgesprochen hat, bestehen immer noch Nutzungseinschränkungen. In einem bestehenden Gebäude ist nicht alles möglich. Es muss eine Verwendung gefunden werden, die zum Bau passt.

Was wäre im Fall der Kaserne sinnvoll, was nicht?
Fischer: Wohnungsbau wäre sicher nicht sinnvoll. Ich bezweifle auch, dass sie sich als Hotel- oder Kongressgebäude eignen würde. Für Bildungszwecke oder als Museum wäre sie jedoch ideal.

Sie setzen sich für den Erhalt der Kaserne ein. Was macht den bröckeligen Bau und das zugehörige Areal schützenswert?
Fischer: Die Kaserne wurde ja nicht von uns, sondern vom Kanton als schützenswert eingestuft. In der offiziellen Dokumentation aus dem Hochbaudepartement über die denkmalpflegerisch wichtigen Bauten steht: «Die weitläufige Kasernenanlage, zu der neben der eigentlichen Kaserne, den Zeughausbauten und der Polizeikaserne auch die rechts der Sihl gelegenen Bauten an der Gessnerallee gehören, ist eines der monumentalsten Ensembles des schweizerischen 19. Jahrhunderts. Im Rahmen des historistischen Zürichs hat sie eine gleich wahrzeichenhafte Bedeutung wie der Hauptbahnhof und das Polytechnikum.»

Die Kaserne ist, so schäbig sie heute auch aussieht, ein Zürcher Denkmal?
Fischer: Sie ist von hohem architekturgeschichtlichem Wert. Und sie war städtebaulich wichtig, da sie die weitere Entwicklung und Anordnung des angrenzenden Quartiers vorgegeben hat. Sie war eine der ersten grossen Bauten in Aussersihl und hat dem Kreis 4, der sich später zum Arbeiter- und Wohnquartier entwickelte, die Richtung vorgegeben. Das Raster der Strassen neben und hinter der Kaserne - Kasernen-, Militär-, Zeughaus-, Ankerstrasse, Kanonengasse und so weiter - ergab sich ja erst als Folge der Kasernenanlage. Das ist aber eine mehr historische Erkenntnis und nicht entscheidend.

Was ist denn entscheidend?
Fischer: Ihre heutige Präsenz im Stadtbild, mit dem grossen Freiraum zwischen Kaserne und Zeughäusern und der Front zur Sihl. Das ist etwas, was die Stadt Zürich noch entdecken wird.

Was meinen Sie?
Fischer: Nun, die Sihl war ja lange der etwas vernachlässigte Fluss in Zürich. Seit einigen Jahren ist man allerdings dabei, das Gebiet aufzuwerten: Die Parkdecks über der Sihl, beim Bahnhof und am Stauffacherquai, wurden entfernt, das Ufer entlang der Gessnerallee neu gestaltet. Nun müsste die Pflege der Wasserfront entlang der Kasernenstrasse als logischer nächster Schritt folgen.

Bahnhof und ETH sind grosse, für sich selbst stehende Gebäude. Haben denn die Bauten des Kasernen-Ensembles die gleiche Qualität?
Fischer: Ja, auch die Einzelbauten sind wertvoll. Sie sind Zeugen des Historismus, der
im 19. Jahrhundert Mode war. Der damalige Staatsbaumeister Wolf, der später auch das Burghölzli baute, hat im Hauptgebäude der Kaserne Anklänge an die Renaissance und ans Mittelalter integriert. Insofern ist ihre Fassade repräsentativ und bedeutend.

Im Gespräch mit der Stadt bekommt man zu hören, der Abriss der Kaserne dürfe als Option nicht von vorneherein ausgeschlossen werden, wenn es um die Planung eines neuen Kongresshauses gehe. Was halten Sie davon?
Fischer: Es ist immer dasselbe Problem: Wenn man sich alle Optionen offen halten will, führt das nur zu Schwierigkeiten. Man sollte doch vielmehr die bestehenden Verhältnisse als klare Vorgabe sehen - nämlich, dass die Kaserne ein kantonales Schutzobjekt ist - und akzeptieren, dass somit eben nicht alles möglich ist. Andernfalls verrennt man sich und verheddert sich in Streitigkeiten. Das kostet viel und führt zu einem Scherbenhaufen.

Gegen einen Abriss der Kaserne würde sich der Heimatschutz also auch gerichtlich wehren?
Fischer: Wenn nötig, durch alle Instanzen.

Auch wenn an ihrer Stelle grossartige moderne Architektur geschaffen würde, die der Stadt neue Akzente verleiht?
Fischer: Es kann nicht Ziel und Aufgabe von Stadtplanung und -entwicklung sein, die prägenden Bauten einer Stadt zu entfernen. Ziel sollte sein, neue Räume und Orte zu schaffen. Dafür gibt es interessantere Orte, wie z. B. Altstetten oder Zürich Nord. Dort sind Defizite, aber auch Potenzial vorhanden.

Haben Sie keine Angst davor, in einer Auseinandersetzung um Kaserne und Kongresshaus als Verhinderer dazustehen?
Fischer: Ich sehe den Heimatschutz nicht als Verhinderer, sondern als Bewahrer. Wir setzen uns als privater Verein ein, wenn die staatliche Denkmalpflege ihre Möglichkeiten ausgeschöpft hat. Somit sind wir die Anwälte des baukulturellen Erbes - aber keine Fundamentalisten, die jede Veränderung bekämpfen. Der Heimatschutz anerkennt, dass sich die Welt ändert und dass Gebäude die ursprüngliche Bedeutung verlieren können. Und wenn eine seriöse Abklärung stattfindet, können wir auch hinter einem Abriss stehen. Wie beispielsweise beim Bahnhof in Aarau.

Markus Fischer (49) studierte Architektur an der ETH Zürich und hat ein Nachdiplom in Denkmalpflege. Er ist freischaffender Bauforscher und Präsident der Stadtzürcher Sektion des Heimatschutzes.

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