Aufregung macht sich breit, wann immer wir an Land gehen wollen.

Warm genug angezogen? Gummistiefel parat? Unser Schiff, die Crystal Serenity, ankert drei Kilometer vor Grönlands Küste. Einen bequemen Hafen, ausgerüstet mit Pier und Port, gibts nur in Nuuk, der Hauptstadt. Doch wir wollen erst mal nach Ilulissat und Sisimiut, mit 5000 respektive 5500 Einwohnern die zweit- und drittgrössten Kommunen der weltgrössten Insel.

Also rollen wir uns über die Gummiwülste in die kleinen Zodiacs und eine Viertelstunde später wieder hinaus. Stapfen ein paar Meter durch knietiefes Wasser, und schon sind wir da; in Kalallit Nunaat, im Land der Grönländer, 2670 Kilometer lang, 1050 Kilometer breit. Etwa 56'000 Menschen leben in dem dänischen Protektorat. Und das seit mindestens 4500 Jahren.

Rund 90 Prozent sind Einheimische, Inuit genannt. Sie kamen von Alaska über Kanada, immer der Westküste entlang in unterschiedlichen Migrationsströmen. Wikinger und Norsemen kamen um 980, verschwanden um 1400 wieder. Es wurde ihnen zu kalt, mutmasst man. Dafür zogen Neulinge zu, Missionare aus Dänemark.

Das Leben der Grönländer rund um den Polarkreis besteht seit je aus Fischen und Jagen, später kamen Tauschgeschäfte und Handel dazu. Heute gibts einige Fischfabriken: Heilbutt und Krabbe sind die Exportschlager. Dennoch haben die pittoresken Ortschaften Ilulissat und Sisimiut, um 1740 gegründet, ihren Charme und Pioniercharakter erhalten können.

Knallbunte Häuser dominieren das Bild, und zahlreiche Fischkutter dümpeln in den kleinen Häfen. Hölzerne Treppen winden sich die steilen, felsigen Ufer hinauf, auf denen die Häuser gebaut sind. Fast jedes hat eine luftige Veranda, auf denen Fische zum Trocknen im Wind klappern. Oder ein kleines verglastes Treibhaus, denn im Sommer kann es an geschützten Plätzen fast 20 Grad warm werden.

Husky-Schlitten hat stets Vortritt

Die Sonnenstrahlen nutzen auch die Tausenden Huskys der Gegend, die sich jaulend auf den warmen Steinen räkeln. Sie haben ein feines Leben zur Sommerszeit: schlafen, fressen, schlafen. Dennoch mögen sie den eisigen Winter viel lieber. Im Schnee und Eis sind sie in ihrem Element, können sich im Schlittenteam austoben, und jeder zollt ihnen Respekt. «Ein Hundegespann hat in Grönland immer Vorfahrt», lachen die dänischen Studenten Karoline und Kirsa. Die beiden bleiben nur den kurzen Sommer über auf der Insel, zeigen den Kreuzfahrtpassagieren, wo es langgeht, und geben Einblick in die im lokalen Museum ausgestellte Historie.

In das Leben von Polarforscher und Anthropologe Knud Rasmussen und seine vielen Expeditionen zum Beispiel. Er lebte lange Jahre in Ilulissat und wird verehrt wie kein anderer, schon früh setzte er sich für den Zusammenhalt und ein neues Selbstbewusstsein der Inuit-Gemeinschaft ein. In Sisimiut indes bestechen die knallblaue älteste Kirche der Insel, das moderne Kulturzentrum am See, die Handwerkskunst, Tanzaufführungen sowie der frische Bevölkerungsmix aus Inuit und Dänen.

Die spektakulärste Attraktion ist Ilulissats Icefjord, 2004 zum Weltnaturerbe erklärt: In einer gut zweistündigen Wanderung kommen wir den gigantischen Eisbergen immer näher. Man geht auf Holzplanken, um die Natur der Tundra zu schützen. Auch für uns ist es einfacher, wir würden sonst bei jedem Schritt im Morast versinken. Links und rechts der Planken biegt sich flauschig weisses Wollgras im Wind, der pastellfarbene Sommerflor zeigt seine ganze kurzzeitige Pracht. Und immer wieder kleine Seen mit glitzernden Eisstückchen darin.

Noch eine kleine Steigung, und vor uns tut sich ein atemberaubendes Panorama auf. Tausende Eisberge türmen sich knirschend im tiefblauen Fjord oder segeln in bizarren Formen dahin. Sie kommen von weit her, denn gute 600 Kilometer entfernt setzt sich Eis im Inneren Grönlands in Bewegung und wird an die Küsten gepresst, auch über den Sermeq-Kujalleq-Gletscher hinweg, einer der schnellsten und aktivsten der Welt. Täglich schiebt er sich bis zu 40 Meter gen Westen. Alle paar Wochen kalbt der Gletscher. Dann brechen gigantische Eisblöcke ab, die sich ebenfalls in Richtung Küste bewegen und nach rund einem Jahr den Mündungsbereich des Fjords von Ilulissat erreichen.

Hier treffen sie auf eine gewaltige Menge uralten gebrochenen Packeises und grosse Eisberge, die weder vor noch zurück können, weil eine submarine Moräne ihnen den Weg versperrt. Nur die kleineren Eisberge schaffen es ins offene Meer hinaus und segeln als blauschimmernde faszinierende Skulpturen von dannen. Einer von diesen enormen Abbrüchen soll 1912 der «Titanic» zum Verhängnis geworden sein. Auf 55 Kilometer Länge und sechs Kilometer Breite ist der Sermeq-Kujalleq-Gletscher inzwischen angeschwollen. Es fällt schwer, den Blick von diesem Spektakel abzuwenden. Immer wieder kracht, donnert und poltert es im Fjord. Es dauert eine Weile, bis wir von unserem Ausguck herabsteigen und den Rückweg antreten.

Bedrohtes Naturspektakel

Zurück an Bord, wird uns die Dänin Marianne Stenbaek, Mitglied des uns begleitenden wissenschaftlichen Teams, in ihrer Lektion mahnen: «Diese Generation wird möglicherweise die letzte sein, die dieses gewaltige Naturspektakel geniessen kann.» Derzeit macht der Sermeq-Kujalleq-Gletscher, der auf Dänisch Jakobshavn-Gletscher genannt wird, oft von sich reden. Immer dann, wenn Satelliten-Aufnahmen belegen, dass der weltweit am schnellsten schmelzende Gletscher einen massiven Brocken verloren hat.

Steigende Temperaturen nagen auch an Grönlands Eisschild, sodass der Klimawandel für Grönland die grösste Herausforderung sein wird. Niemand weiss, in welche Richtung die Veränderung gehen wird. Fischer freuen sich bereits über Fänge von Thunfisch und anderen Fischen, die warmes Wasser brauchen. Andere hoffen, dass durch die Eisschmelze Mineralstoffe freigesetzt werden, die karge Böden fruchtbar machen können. Und wenn weltweit gesuchte Rohstoffe wie Öl, Uran, Zink, Eisenerz und Kohle sowie Gold, Silber, Kupfer, Nickel und Platin tatsächlich vom Eis befreit würden, könnte Grönland in den nächsten Jahren zu einer der reichsten Regionen der Welt werden.

Dass solche Veränderungen auch einen Verlust der jetzigen Lebensgrundlage und der alten Kultur mit sich bringen, lässt sich in der Hauptstadt Nuuk feststellen, der arktischen Metropole mit fast 20 000 Einwohnern: Hinter der schönen Wasserfront wurden in den Sechzigerjahren, als Grönland modernisiert werden sollte und Traditionen an Wert verloren, uninspirierte Plattenbauten hochgezogen, für Wohnblocks, Regierungsgebäude, Krankenhäuser, Schulen und Universitäten.

Mit dem Wachstum und dem Verlust nationaler Identität kamen soziale Probleme. Man sieht verlorene Gestalten vor dem Shoppingcenter, Bierflasche in der Hand. Und die Selbstmordrate soll die höchste der Welt sein. Doch wir trafen auch hoffnungsfrohe Teenager, die sich auf die Zukunft freuen und stolz auf ihr Land sind. Die Skulptur «Kaassassuk» vor dem Parlamentsgebäude gilt als Sinnbild für Grönlands Eigenständigkeit.

Die Reise wurde von MCCM Master Cruises Chr. Möhr, Zürich, unterstützt.