Wenn Engel in der Hölle landen

Der Tatort: Vor zwei Jahren kreuzte hier spätnachts ein grosser Tross der «Hells Angels» auf. (JPW)

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Der Tatort: Vor zwei Jahren kreuzte hier spätnachts ein grosser Tross der «Hells Angels» auf. (JPW)

Beim Stichwort Gewalt taucht der Motorradclub «Hells Angels» nicht zufällig in den Schlagzeilen auf. Diesmal sollen die Engel in Bützberg eine friedliche Party brutal beendet haben.

Julian Perrenoud

St. Gallen und Bern - die beiden Kantone wurden gestern keine Freunde. Der Grund war ein Ostschweizer, der vor dem Aarwanger Einzelrichter sass. Das Mitglied der berüchtigten «Hells Angels» hatte sich mehr oder weniger stellvertretend für den Motorradclub zu verantworten - jener soll nämlich am 25. August 2007 auf üble Weise ein Familienfest des «Bad Clans» in Bützberg aufgemischt haben.

Dieser feierte auf dem Gelände vis-à-vis des Bützberger Pascha Clubs. Doch um 23 Uhr rumorte es auf der Strasse: Ein Konvoi von Motorrädern bog auf den Parkplatz ein: Die «Hells Angels». Bis zu 100, hiess es. Die Beschuldigten selber reden lediglich von 40 bis 50. In einem Festzelt schlugen sie mit brutaler Gewalt auf vier Mitglieder des «Bad Clans» ein. Eines erlitt einen Nasen- und Rippenbruch. Martin B.* landete im Krankenhaus. Tage später entdeckte er in einer Motorradzeitschrift das Foto des Angeklagten.

Gibt es ungeschriebene Gesetze?

Doch halt: So soll es ja gar nicht gewesen sein! Sagten zumindest der Angeklagte und seine zwei Anwälte im Schlepptau. Richter Roland Richner zeigte sich verwirrt: Warum zwei Anwälte? Und wer von ihnen besitzt die Vollmacht? Der eine lächelte verständnisvoll, fügte an: «In der Ostschweiz ist das üblich.» Selbstverständlich könne er eine solche, vom Angeklagten ausgestellt, vorweisen. Das Spielchen lenkte beinahe vom eigentlichen Fall ab. Denn es waren viele Zeugen geladen.

Welchen Grund könnte es also haben, dass die «Hells Angels» mit ihren Motorrädern nach Bützberg brausten? Der Privatkläger, Martin B., wusste es nicht. «Ich kann nur vermuten.» Einer vom «Bad Clan» soll mit einem deutschen Motorradclub verkehrt haben. Die Schweizer Höllenengel hätten darauf gefordert, dies zu unterlassen. Martin B.: «Ich wusste nicht, dass es in dieser Szene ungeschriebene Gesetze gibt, die wir befolgen müssen.» Doch offensichtlich gibt es sie.

Anderer Ansicht waren die vorgeladenen Höllenengel. Sie hätten sich nur kurz beim besagten Fest aufgehalten. Von einer Schlägerei sei ihnen nichts bekannt. Gründe für den Angriff? «Ich wüsste keinen», sagte einer der drei.

Busse von 1500 Franken gesprochen

Richter Richner allerdings fand einen - nämlich den des Opfers. «Das Gericht sieht den geschilderten Ablauf als glaubwürdig an. Es ist unbefriedigend, dass wir nur über eine Person urteilen können.» Denn der Angeklagte sei nicht Haupt-, sondern Mittäter. Er wird wegen einfacher Körperverletzung zu einer bedingten Strafe von 7500 Franken verurteilt. Der geforderte Schadenersatz des Opfers (700 Franken für Krankenkassen-Selbstbehalt) wurde ebenfalls gutgeheissen. Hinzu kommen Busse (1500 Franken) und Verfahrenskosten (1200 Franken).

Nachvollziehen konnten die Verteidiger den Schuldspruch nicht: «Das habe ich noch nie erlebt», wetterte der eine nach Verhandlungsschluss. Er werde das Urteil anfechten. «Wenn in einer Hooligan-Gruppe ein normaler Fan verhaftet wird, ist er dann automatisch schuldig?» Die Aussage wird dem Anwalt wohl versehentlich herausgerutscht sein. Plädierte er zuvor auf unschuldig, bestätigt er damit quasi den Übergriff auf den «Bad Clan». Die andere Seite kümmerts wenig: Martin B.: «Ich habe erreicht, was ich wollte.»

*Name geändert

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