Wenn die Zürcher bloss richtig gezählt hätten
Wenn die Zürcher bloss richtig gezählt hätten

Der Zoo Zürich stellte am Wochenende fest, dass er die Vögel seiner Kolonie falsch gezählt hatte. Doch da war der Flamingo schon zum Abschuss freigegeben

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Jagdverwaltung lässt den Flamingo erschiessen

Jagdverwaltung lässt den Flamingo erschiessen

Sabine Kuster

Nur zweieinhalb Wochen stakste der Chileflamingo durch den Flachsee, dann beschloss die Aargauer Jagdverwaltung, ihn am Montag zu erlegen. Sie hatte letzte Woche vergeblich nach dem Besitzer gesucht.
Doch übers Wochenende hatte der Zoo Zürich die vermeintlich 50 Flamingos seiner Kolonie noch einmal gezählt und festgestellt: Es fehlt doch einer. Beim Zählen zwischen Weihnachten und Neujahr war dem Zoo ein Fehler unterlaufen. Auf dem Notizblock war ein Strich zu viel gemacht worden. Als Kurator Robert Zingg auf einem Zeitungsfoto den grünen und den metallenen Ring an den Beinen des Flamingos sah, beschloss er, am Wochenende noch einmal nachzuzählen. Denn solche Ringe tragen die Zürcher Flamingos. Um diesmal sicher gehen zu können, mussten die Flamingos eingefangen werden, denn eine Zählung von blossem Auge ein paar Tage zuvor war ein unmögliches Unterfangen gewesen.

Der Anruf kam zu spät

Am Montag wollte der Zoo den Fehler der Jagdverwaltung mitteilen - doch als man die Verantwortlichen erreichte, war der Flamingo bereits tot. Man habe nicht damit gerechnet, dass der Aargau ihn so schnell erlegen würde, sagt Samuel Furrer, Kurator am Zoo Zürich. «Das ist ein Verlust und sehr schade.» Denn pro Jahr hat die Kolonie bloss zwei bis drei Nachkommen.
Die Verantwortlichen des Zoo Zürich und die Aargauer Jagdverwaltung haben sich nach Angaben von Zoo-Kurator Robert Zingg gestern über den Fall «ausgetauscht». Dabei wird man es belassen.

Kathrin Hochuli von Birdlife Aargau sagt, rechtlich könne man der Jagdverwaltung nichts vorwerfen. Der schnelle Abschuss sei dennoch «psychologisch ungeschickt». Wenn der Flamingo am Ende vielleicht verhungert wäre, hätte dies die Bevölkerung eher akzeptiert.
Peter Suter aus Kölliken, Präsident des «Vereins zum Schutze bedrohter Wildtiere» zeigte sich entsetzt über das Vorgehen der Jagdverwaltung. Der Entscheid von Altermatt sei «kaltblütig». «Man hätte ihn doch sein lassen können, einer alleine vermehrt sich meines Wissens nicht», sagte Peter Suter.

Zoo hätte ihn fangen wollen

Gemäss René Altermatt, Leiter der Sektion Jagd und Fischerei, hat sich die Jagdverwaltung vor dem Entschluss bei der Vogelwarte Sempach informiert. Matthias Kestenholz von der Vogelwarte sagte gestern jedoch: «Ich hätte zugewartet, der Abschuss war verfrüht.» Man habe der Jagdverwaltung mittgeteilt, dass der Vogel keine anderen Arten bedroht hätte. Es sei aber so, dass sich Flamingos nur in einer Kolonie richtig wohl fühlen würden und man nicht wisse, ob er sich längerfristig adäquat hätte ernähren können. Den Flamingo einzufangen, wäre schwierig gewesen, sagt Kestenholz. Ein Boot hätte ihn aufgescheucht und bei Betäubungspfeilen bestehe die Gefahr, dass der Vogel ertrinkt.
Doch der Zoo Zürich hätte den Flamingo auch ein fangen wollen, wenn es nicht der eigene gewesen wäre. «Wir haben die erfahrenen Leute dazu», sagt Samuel Furrer. Denn es ist selten, aber es kommt vor, dass ein Flamingo aus dem Gehege entweicht. «Doch so weit ist noch nie einer geflogen», sagt Furrer.

Den männlichen Jungtieren werden die Flügel nicht gestutzt, weil sie diese für den Balz-Tanz benötigen. Mit gestutzten Flügeln sinken laut Furrer die Paarungschancen.