Wenn der Mentor den Vater ersetzt

Ein amerikanisches Projekt will seit gestern auch Schweizer Buben helfen, gute Männer zu werden Die Abwesenheit der Väter kann zu Gewalt bei Jungen führen, sagt alt Nationalrat Roland Wiederkehr (66). «Boys to Men» soll positive Vorbilder vermitteln.

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Aargauer Zeitung

Martin Reichlin

Herr Wiederkehr, warum lancieren Sie das Projekt «Boys to Men», das Buben helfen soll, gute Männer zu werden?
Roland Wiederkehr: Der Anstoss war meine langjährige Arbeit mit Rasern. Bei den Präventionsveranstaltungen merkten wir, dass die meist jungen Männer im persönlichen Gespräch schnell von Gewaltvorstellungen abkommen - Rasen ist ja nichts anderes, als eine Form der Gewaltausübung - und von sich und ihrer Situation zu erzählen beginnen. Im Alltag dagegen lernen sie kaum ein anderes männliches Rollenbild kennen als den Macho aus der Werbung, der immer schneller, höher, weiter hinaus will. Letztlich kann es aber zur Gewalt führen, wenn ein Junge nie lernt, dass Männlichkeit nicht gleich Gewaltbereitschaft ist.

Wo begegneten Sie «Boys to Men»?
Wiederkehr: Ich lernte die Verantwortlichen dieses Netzwerks während eines USA-Besuchs letztes Jahr kennen. Wir kamen überein, dass ich versuche, ihnen den Weg zu ebnen, falls sie in Europa aktiv werden möchten.

Erkennen Sie in der Schweiz denn ein Gewaltproblem a là USA?
Wiederkehr: Was wir in der letzten Zeit an Schlägereien und Ausschreitungen erlebt haben, geht in diese Richtung. Allerdings hat man bei uns - im Gegensatz zu den USA - das Problem der fehlenden Väter noch nicht als eine Ursache der Gewalt erkannt. In den Vereinigten Staaten sind 42 Prozent der Familien Einelternhaushalte, sprich alleinerziehend. In der Schweiz sind es immerhin gut 15 Prozent. Und es ist kaum je der Mann, der sich in diesen Fällen um die Kinder kümmert, sondern es sind eben die Mütter.

Eltern sind doch nicht die einzigen Bezugspersonen von Jugendlichen.
Wiederkehr: Nein, aber auch in den Schulen, vor allem der Unter- und Mittelstufe, sind fast keine Männer mehr anwesend. Das halte ich für verheerend, denn dadurch werden Buben praktisch ausschliesslich von Frauen erzogen, also weiblich orientiert. Frauen denken aber anders als Männer, handeln anders und sind mit anderen Hormonen ausgestattet. Was früher alle Völker kannten, nämlich Initiationsriten für heranwachsende Männer, können Frauen den männlichen Jugendlichen kaum vermitteln. Das heisst, die Jungen können ihre Verwandlung zum Mann nur im «Seich»-Machen austesten - bei Schlägereien, Hooliganismus oder beim Rasen.

Boys to Men

Die Non-Profit-Organisation, vor elf Jahren in Kalifornien gegründet und bisher in den USA, Kanada und Südafrika tätig, hat sich zum Ziel gesetzt, Buben im Alter von 12 bis 17 zu begleiten. Insbesondere nach Scheidungen und in Familien alleinerziehender Mütter würden den Heranwachsenden positive männliche Rollenmodelle fehlen, so die Organisation. Diese Lücke werde von den Teenagern auf der Suche nach Aufmerksamkeit und Respekt häufig mit falschen Vorbildern gefüllt. Um dies zu verhindern stellt «Boys to Men» den Jugendlichen Mentoren zur Seite, mit denen sie etwas unternehmen oder sich aussprechen können. (MRE)

Kurz: Frauen können keine Männer erziehen?
Wiederkehr: Es braucht weibliche und männliche Vorbilder für eine richtige Erziehung. Heute sind jedoch die Mütter meistens präsent, aber die Männer fehlen. Ein guter Lehrmeister kann da als Mentor in die Bresche springen. Wer aber keine Lehrstelle hat, fällt zwischen Stuhl und Bank.

Sie monieren das Fehlen männlicher Vorbilder. Aber wird die Rolle der Väter nicht immer aktiver definiert?
Wiederkehr: Die Realität ist eine andere. Sie zeigt, dass die Eltern, Mütter und Väter, in der Krise am Arbeitsplatz noch mehr gefordert werden und somit noch weniger Zeit mit ihren Buben verbringen können.

«Boys to Men» soll junge Männer mit Mentoren, Göttis, zusammen bringen. Was sollen Mentor und Teenager zusammen unternehmen?
Wiederkehr: Das Programm sieht vor, dass man etwa alle zwei Monate gemeinsame Wochenenden verbringt, zum Beispiel in den Bergen mit 50 bis 60 Jugendlichen und Mentoren, und lernt, dass man nur gemeinsam, mit gegenseitigem Vertrauen, weiterkommt. Daneben gibt es alle zwei Wochen ein Treffen in kleinen Gruppen. So kann sich auf Dauer Vertrauen zwischen Mentor und Teenager aufbauen.

Roland Wiederkehr war 1987 bis 2003 Zürcher Nationalrat. 1989 war er Gründungsmitglied der Strassenopfer-Vereinigung Road-Cross, die er 20 Jahre lang als Geschäftsführer leitete.