Flugzeug-Entführungen
Wenn der Captain kurz einmal austreten muss...

In den 1970er Jahren gab es wesentlich mehr Entführungen als heute. Grund sind die verbesserten Sicherheitsmassnahmen und die abgeflauten ideologischen Konflikte. Bei Entführungen spielt der Co-Pilot nicht selten übel mit.

Matthias Niklowitz
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Air France-Flug 139 Air France-Flug 139 endete im Juni 1976 in Entebbe/Somalia: Ein Anti-Terror-Polizeikommandos befreite die Passagiere.
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Wenn dem Co-Pilot nicht zu trauen ist
Entführte Lufthansa-Maschine Die Lufthansa-Maschine «Landshut» wurde im Oktober 1977 auf den Flughafen Mogadischu/Uganda entführt und später von einem Anti-Terror-Kommando gestürmt.
Air Afrique Am 24. Juli 1987 landete in Cointrin eine DC-10 der Air Afrique, die vom libanesischen Luftpiraten Hariri entführt worden war. Er erschoss einen Passagier und verletzte einen zweiten schwer.
Entführer Hussein Hariri auf dem Weg zum Gericht im Februar 1989.
LAM Am 29. November 2013 stürzte eine Embraer 190 der Fluggesellschaft LAM aus Mossambique über einem Nationalpark von Namibia ab - weil der Pilot es wollte.
Kuwait-Airways-Flug 422 wurde im Aprill 1988 über 16 Tage lang entführt.
Egypt Air Egypt Air-Flug 990, eine Boeing-767, stürzte am 30. Oktober 1999 kurz nach dem Start in New York ab. Der Co-Pilot hat den Crash willentlich verursacht.
Silk Air Silk Air 185 stürzte am 19. Dezember 1997 in Sumatra ab. Wars der Co-Pilot? Auf dem Bild die Einzelteile, über die man der Ursache des Absturzes auf die Schliche zum kommen hoffte.

Air France-Flug 139 Air France-Flug 139 endete im Juni 1976 in Entebbe/Somalia: Ein Anti-Terror-Polizeikommandos befreite die Passagiere.

Keystone

«Gürtel ausziehen, Stiefel ebenfalls ...!» Töne, wie man sie als junger Mann vom Kasernenalltag in der Rekrutenschule kennt, hört man weltweit auch an den Sicherheitskontrollen von Flughäfen. Über den richtigen Ton lässt sich streiten – aber diese Kontrollen haben das Reisen per Flugzeug sicherer gemacht.

Unsichere 1970er Jahre

Laut einer Übersicht zu den grösseren Flugzeugentführungen auf Wikipedia hab es in den 1970er Jahren weltweit 41 Vorfälle. Oft ging es dabei um politische Ziele: So entführten die Mitglieder der palästinensischen Terrorgruppe PFLP im September drei Flugzeuge in die Wüste von Jordanien und sprengten sie dort. Auch ein Flugzeug der Swissair wurde dabei zerstört. Andere Flugzeuge wurden aufgrund der Konflikte in Südasien oder von Terrorgruppen wie der deutschen RAF teilweise wochenlang entführt. Spektakulär endeten die Flüge Air France 139 und Lufthansa 181 («Landshut»): Anti-Terror-Polizeikommandos befreiten die Passagiere in Entebbe/Uganda (1976) bzw. Mogadischu/Somalia (1977).

Es gab, besonders zu Beginn des Jahrzehntes, auch einige Flugzeugentführungen in den USA. Bei diesen wollten die Entführer oft nur eines: Bargeld.

Mit Limo abgeholt

In den 1980er Jahren gab es noch 25 grössere Vorfälle. Kuwait-Airways-Flug 422 wurde über 16 Tage lang entführt. Die Entführer erreichten ihr Ziel, die Freilassung von Inhaftierten in Kuwait, nicht. Bizarr endete die Entführung einer Boeing-737 von Air France am 1. August 1984. Nach 48 Stunden endete der Irrflug nach einer Zwischenstation in Genf in Larnaka auf Zypern. Die Entführer stiegen aus, entliessen die letzten Passagiere und das fliegende Personal - und setzten sich seelenruhig in schwarze Limousinen und brausten davon.

Blutige Entführung in Genf 1987

Am Flughafen Genf kam bereits vor knapp 27 Jahren ein entführtes Flugzeug an. Die damalige Entführung endete blutig. Am 24. Juli 1987 landete in Cointrin eine DC-10 der Air Afrique, die vom libanesischen Luftpiraten Hariri entführt worden war.

Das Flugzeug befand sich auf dem Weg von Brazzaville (Kongo) nach Paris. Der Luftpirat brachte das Flugzeug nach einer Zwischenlandung in Rom in seine Gewalt und forderte, Beirut anzufliegen.

Wegen Treibstoffmangels landete die Maschine in Genf. Dort tötete Hariri einen französischen Passagier, weil ein Ultimatum ohne Resultat verstrich. Ein Besatzungsmitglied wurde schwer verletzt. Der Luftpirat konnte schliesslich überwältigt werden.

Piloten auf Abwegen

Laut Kurt Hofmann, Aviatik-Spezialist aus Österreich, sind Entführungen durch Copiloten selten. Sie kommen aber vor und passieren oft, wenn der Kapitän gerade auf der Toilette ist.

Silk Air 185 stürzte am 19. Dezember 1997 in Sumatra ab. Es entspann sich eine grosse Kontroverse um die «wahre» Absturzursache. So gab es zwar Hinweise auf ein technisches Problem am Seitenruder. Das Cockpit-Tonband zeigte jedoch, dass die Aufzeichnungen stoppten, nachdem der Kapitän das Cockpit verlassen hatte. Er kehrte jedoch zurück, nachdem er, so die Indizien, einige Sicherungen entfernt hatte, und steuerte die Maschinen in den Boden.

Egypt Air-Flug 990, eine Boeing-767, stürzte am 30. Oktober 1999 kurz nach dem Start in New York ab. Der Copilot hatte eine Toilettenpause des Kapitäns ausgenutzt, die Triebwerke und den Autopiloten abgestellt und das Flugzeug in einen steilen Sinkflug gebracht. Der Kapitän konnte das Flugzeug nicht mehr abfangen. Bis heute ist der Vorfall nicht restlos geklärt. Denn die ägyptischen Behörden stellten abgebrochene Nieten am Höhenleitwerk fest und argumentierten mit einem technischen Defekt.

Private Rache

Am 29. November 2013 stürzte eine Embraer 190 der Fluggesellschaft LAM aus Mossambique über einem Nationalpark von Namibia ab. Gemäss den vorläufigen Untersuchungen hatte der Kapitän die «klare Absicht» bekundet, das Flugzeug zum Absturz zu bringen. Nie aufgeklärt wurde der Flug einer Rockwell-Commander 112, die am 18. April 2002 in das Pirelli-Hochhaus in Mailand gesteuert wurde. Einen Abschiedsbrief hinterliess ein US-Pilot, bevor er seine Piper Dakota im Februar 2010 in das Steueramt von Austin im US-Bundesstaat Texas steuerte.

Der Flughafen von Addis Abeba, vom dem aus die jüngste Entführung ausgegangen war, gilt laut Hofmann als einer der sichersten in Afrika. Die Fluggesellschaft Ethiopian ist eine der am stärksten wachsenden aufstrebenden Fluglinien des Kontinents und hat modernstes Fluggerät.

Entführtes Flugzeug in Genf gelandet - Entführer war der Co-Pilot
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Beim entführten Flug handelt es sich um den ET702 der Ethiopian von Addis Abeba. Das Flugzeug landete um 6.05 Uhr am Montagmorgen in Genf.
Kurz vor 8 Uhr: Die rund 200 Passagiere verlassen das Flugzeug. Polizisten einer Spezialeinheit nehmen sie in Empfang.
Das Fenster beim Co-Piloten ist offen, er wollte Asyl in der Schweiz und kletterte mit einem Seil runter
Das entführte Flugzeug kreiste länger über dem Flughafen Genf, bevor es landen durfte.

Entführtes Flugzeug in Genf gelandet - Entführer war der Co-Pilot

Keystone