Wenn 285 Jahre einander helfen

In Othmarsingen wohnen die drei Geschwister Frey, die gesamthaft 285 Jahre alt sind, seit 1974 im Wilhof 28 unter dem gleichen Dach. Ein leuchtendes Beispiel von geschwisterlicher Liebe, Fürsorge und gegenseitiger Unterstützung.

Merken
Drucken
Teilen
Alters-WG

Alters-WG

Lenzburger Bezirks-Anzeiger

Alfred Gassmann

Das beste Altersheim ist die Familie», sagte einst der frühere deutsche Bundespräsident Hein- rich Lübke. Als die drei Geschwister Marianne und Hedi Frey sowie die verwitwete Christine Salm-Frey im Jahre 1974 in den umgebauten Wilhof einzogen, konnten sie nicht erahnen, dass sie zum Vornherein 36 Jahre miteinander in den drei Wohnungen leben werden. Marianne in der Dachwohnung, allerdings seit sechs Wochen bettlägerig, wird im August 98 Jahre alt. Hedi durfte mit ihrer Zwillingsschwester Bethli, die im Alterszentrum Obere Mühle in Lenzburg wohnt, am 3. Januar den
96. Geburtstag feiern. Und Christine hat Jahrgang 1919. Ein Besuch im Wilhof belegt: Jede der drei Frauen ist für die andere ein Geschenk, die Fürsorge und die gegenseitige Hilfe beeindrucken. Besuche bekommen die Geschwister alleweil - eine Abwechslung, die gut tut und Freude bereitet.
Jeden Sonntagnachmittag erscheint Bethli von Lenzburg zur obligaten Teerunde. Von aussen kommt auch Hilfe: Das Dreimädelhaus wird von der Spitex besucht. Von Bremgarten taucht regelmässig Hanna auf, eine der Töchter von Christine. Hanna tätigt die Einkäufe und besorgt die Wäsche. Grösste Dankbarkeit zollen sie dem langjährigen Mieter der Parterrewohnung, der jederzeit seine Hilfe anbietet.
tätigt die Einkäufe und besorgt die Wäsche. Grösste Dankbarkeit zollen sie dem langjährigen Mieter der Parterrewohnung, der jederzeit seine Hilfe anbietet.

Kräuter, wandern, lesen und klassische Musik
Die Eltern der drei Geschwister, Jakob Frey (1877) und Frieda Marti (1879), beide waschechte Othmarsinger, wohnten vorerst in Basel. Doch vor dem Kriegsausbruch 1914 zog die Mutter in den Wilhof, wobei der Vater wegen seines verantwortungsvollen Postens bei den SBB in Basel blieb und pro Woche zweimal nach Hause kam. Dem Paar wurden sechs Kinder geschenkt. Hans verstarb bereits 1964 und Margrit vor vier Jahren. Die älteste Tochter Marianne erlernte in der Gartenbauschule Niederlenz den Beruf der Gärtnerin und ab 1942 bis zu ihrer Pensionierung war sie in der Samenhandlung Altdorfer in Zürich Leiterin im Laden. Sie wanderte ausserordentlich gerne, nahm an Kräuterwanderungen teil und es verwundert deshalb nicht, dass sie die lateinischen Namen aller Kräuter und Blumen auswendig kannte.
Unverheiratet blieb auch Hedi. Ihre Hobbys sind stricken, lesen und klassische Musik hören. Sie hütete gerne Kinder. Im Kinderspital Aarau liess sie sich zur «Wochen- und Säuglingspflegerin» ausbilden. Ihre verschiedenen Stellen unterbrach sie mit einem einjährigen Aufenthalt in England. Als ihre Schwester Bethli auszog und den Lenzburger Landwirt Adolf Salm heiratete, half sie vermehrt den Eltern. Die Mutter litt an Herzbeschwerden und verstarb 1952, drei Jahre nach ihrem Mann Jakob. Hedi diente nach dem Tod der Eltern in der Krankenpflege von Othmarsingen und Lenzburg und von 1956 an 16 Jahre in einem Privathaushalt in Hendschiken. «Sie ist eine ausgezeichnete Köchin», bekommt sie ständig Lob von Gästen und ihren Schwestern.

36 Jahre gelebte Nächstenliebe
Christine, nur neun Jahre verheiratet, lebte über 20 Jahre als Witwe auf dem Bauernhof Lindfeld in Lenzburg. In dieser Zeit arbeitete sie zehn Jahre in der Schulpflege Lenzburg. 1973 entschloss sie sich, den Wilhof zu übernehmen und ihn umzubauen. Mit 54 Jahren liess sich Christine zur Kindergärtnerin ausbilden und übte den geliebten Beruf in Othmarsingen bis zu ihrer Pensionierung aus. Die Jüngste der drei Schwestern liebt Orchideen. Sie ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für einheimische Orchideen, führte Exkursionen durch und besuchte Orchideenvorkommen in Italien, Frankreich und Griechenland.
Derzeit steht im Wilhof für Christine und Hedi die Pflege von Marianne im Vordergrund. Die beiden können das Haus nicht mehr gemeinsam verlassen. Ihr Aktionsradius ist naturgemäss stark eingeschränkt. Wie bis im letzten Spätherbst jede der drei Frauen ihren Beitrag für das Zusammenleben leistete, verdient im höchsten Mass bewundert und anerkannt zu werden. Das beste Altersheim ist eben doch die Familie. Für einmal besteht sie aus drei Geschwistern.