Scheidungen
Weniger Scheidungen wegen der Krise

Scheidungen in der Schweiz nehmen ab – Paare lassen sich später trauen: In wirtschaftlich unsicheren Zeiten wolle man vermehrt ein sicheres Nest, sagt Paartherapeut Klaus Heer.

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Ehe, Heiraten

Ehe, Heiraten

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Jessica Pfister

Im Zeitalter von Internetscheidungen, Trennungsmessen oder Scheidungspartys kommt diese Nachricht überraschend: Seit 2005 lassen sich in der Schweiz weniger Menschen scheiden. Dies zeigt ein Blick auf die Zahlen des Bundesamts für Statistik (siehe Grafik). Während im Rekordscheidungsjahr 2005 noch 21 332 Paare ihre Ehe aufgelöst haben, waren es 2008 nur noch 19 613. Dies entspricht einer Abnahme von rund 5 Prozent von 53 auf 48 Prozent. Im Kanton Bern ist der Rückgang seit 2005 von 2775 auf 2333 (-442) besonders gross: In Zürich sind im Vergleich mit 2005 427 Ehen weniger zerbrochen, in St. Gallen 169 und im Aargau 110. Erstaunlich: Während die Scheidungszahlen gesunken sind, haben die Hochzeiten leicht zugelegt: So gaben sich im letzten Jahr 41 534 Paare das Ja-Wort, während 2005 erst 40 139 den Schritt vor den Traualtar wagten.

Ansprüche nach unten korrigieren

Nicht überrascht von dieser Entwicklung ist der Berner Paartherapeut und Psychologe Klaus Heer: «Gerade in den letzten zwei Jahren hat die Bedrohung durch die angespannte Wirtschaftslage zugenommen. In solch schwierigen Zeiten will man ein sicheres Nest und hofft, dieses in einer festen Beziehung oder der Ehe zu finden. » Zudem könne es auch sein, dass Paare heute einen realistischeren Blick auf die Beziehung hätten als noch vor vier Jahren. Dass heisst: Sie korrigieren ihre Ansprüche nach unten. «Dazu passt, dass zahlreiche Bücher erschienen sind, die die Vernunftehe propagieren », so Heer. Ein anderer möglicher Grund für sinkende Scheidungsrate könnte sein, dass heute später geheiratet wird. So fällt in der Statistik auf, dass sich 2008 deutlich mehr Paare zwischen 35 und 45 Jahren das Ja-Wort gaben als 2005. Folglich heirateten sowohl Männer als auch Frauen vor fünf Jahren häufiger im Alter von 19 bis 24 Jahren, als dies 2008 der Fall war.

Schritt reiflicher überlegt

«Gut möglich, dass dank dem höheren Alter die Eheleute sich den Schritt reiflicher überlegt haben und die Ehe eher Bestand hat», sagt Domenico Giglio, Anwalt für Familienrecht bei der Anwaltskanzlei Trias in Aarau. Noch aber hätten die Anwälte bei Trias, die Kanzleien in der ganzen Deutschschweiz unterhält, den Scheidungsrückgang in der Praxis noch nicht gespürt. Psychologe Heer kann sich gut vorstellen, dass sich dies noch ändert: «Bleibt die Lage weiter unsicher und unstabil, wird das Konservative, also die Ehe, an Bedeutung gewinnen und die Scheidungsrate in Zukunft weiter sinken.»

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