Wem gebührt die Kaffeekrone?

Jahrzehntelang war das Café Schober ein Fixstern am Zürcher Kaffeehimmel. Dann zogen seine Macher ins «Felix» und überliessen ihre alte Wirkungsstätte dem Gastrounternehmer Michel Péclard. Das «Schober» bleibt dennoch die Nummer 1.

Merken
Drucken
Teilen

Café im Direktvergleich

Café Schober
Interieur: Das originalgetreue Ladenlokal mit der riesigen Registrierkasse versetzt in vergangene Zeiten. Beim Gang durch den Erfrischungsraum über die Treppe mit barockem Geländer am roten Salon vorbei ins koloniale obere Café überzeugt das Interieur. Angenehm: Der Verzicht auf nervige Hindergrundmusik. Note 6.
Service: Freundliche Begrüssung auf allen Etagen. Die Bedienung war aber leicht zu verwirren und der Mann am Buffet trug ein Werbe-T-Shirt eines Grills am See. Note 5.
Produkte: Die kalte Schokolade war wunderbar leicht, mit perfektem Schokoladenaroma ohne übertriebene Süsse. Der Kaffee überzeugte mit feinen Röstaromen. Das appetitlich gebräunte Osterchüechli hatte einen
knusprigen Blätterteig und eine ausgewogene Füllung, al-lerdings fehlte etwas Kick. Ebenso der sonst tadellosen Omelette mit Schinken und frischen Kräutern. Note 5.
Publikum: Das Mittagspublikum war angenehm gemischt, doch ohne Promi-Faktor. Note 4,5.
Preise: Für die gebotene Qualität in Zürich angemessen: Kalte Schokolade Fr. 7.50, Latte Macchiato Fr. 6.80, Osterchüechli Fr. 6.50. Note 5.

Café Felix
Interieur: Der Raum ist alleine durch seine Grösse, Höhe und die riesigen Fenster hinreissend pompös. Sind die Arkaden eröffnet, wird die Location wohl unwiderstehlich. Beim näheren Hinsehen stören jedoch viele Details: Der Blumenschmuck wird von hässlichen Kabelbindern zusammengehalten, der Tisch wackelt und die Polstermöbel wirken langweilig. Note 4,5.
Service: Freundlich und schnell, hat aber leider nicht alles Bestellte auch gebracht. Note 4,5.
Produkte: Die hausgemachte kalte Schokolade war übersüss, klebrig und hatte eine unangenehm künstliche Note. Auf dem Osterchüechli sah der Puderzucker aus wie durchgefeuchtet und wieder angetrocknet, die Füllung hatte eine künstliche Geschmacksnote. Der Kaffee war so gut oder schlecht wie bei Starbucks und ein fantasielos gemischtes Salätchen machte auch nicht froh. Note 4.
Publikum: Gemischt mit Müssiggängern, Touristen und Mittagsgästen. Allein durch seine Lage hat das «Felix» aber hohes Promi-Potenzial. Note 5.
Preise: Zürcher Verhältnisse. Latte Macchiato Fr. 6.50, Osterkuchen Fr. 4.20, kalte Schoggi Fr. 8.50. Note: 4,5

Von Martin Reichlin

32 Jahre lang gehörte das Café Schober zum blumendekorierten Imperium der Confiserie Teuscher und war das Reich des Maître Felix Daetwyler. Unter seiner Führung wurde das Lokal mit 167-jähriger Süssigkeitentradition zum wohl berühmtesten Kaffeehaus der Stadt und vermochte Fans aus der ganzen Welt in die neubarocken Räume zu locken.

Vor Jahresfrist haben der schillernde Gastgeber, Nummer 853 der englischen Thronfolge, und der Spross der Pralinen-Dynastie die florale Pracht eingepackt und sind aus dem verwinkelten Inneren des Oberdorfs an die mondäne Sonnenterrasse Bellevue gezogen. In der ehemaligen Lobby des Grandhotels Bellevue richteten sie das «Felix» ein, ein zweistöckiger Palast in Seide und Stuck, und werden demnächst mit den atemberaubendsten Arkaden der Stadt auftrumpfen können.

Den freien Platz an der Napfgasse besetzten als Pächter derweil Michel Péclard, bekannt als Betreiber von «Pumpstation», «Münsterhöfli» oder «Coco», und Hotelfachprofi Martin Egger. Sie befreiten die Räume aus dem Jahre 1890 von dekorativem Ballast, legten den Blick auf historische Bausubstanz und filigrane Stuckaturen frei, möblierten das labyrinthartige Lokal mit Polstersesseln und Kronleuchtern neu und schenkten den Wänden Stoff- sowie handgefertigte Elsässer Panoramatapeten. In mal samtiger, mal orientalischer Umgebung können die Gäste aus Kaffee- und Teesorten des Kolonialwarenladens Schwarzenbach auswählen und sich die Kreationen des Starpatissiers Patrick Mésiano zu Gemüte führen.

Doch wem gebührt nun die Krone unter den Zürcher Kaffeehäusern? Um das herauszufinden, unterzog die LiZ die beiden Lokale einem Direktvergleich. Zur Mittagszeit und bei strahlendem Sonnenschein bewertete ein Zweierteam die Faktoren Interieur, Service, Produkte, Publikum und Preis. Bestellt wurden jeweils eine kalte Schokolade, ein Caffè Latte macchiato, ein Osterchüechli sowie etwas Kleines aus der Küche. Zu vergeben waren je Kategorie ein bis sechs Punkte. Das eindeutige Resultat: «Schober» schlägt «Felix».