Oliver Steimann

Rolf Pfeifer, Sie halten demnächst eine weltumspannende Vorlesung über künstliche Intelligenz. Inwiefern beeinflusst diese heute schon unseren Alltag?

Rolf Pfeifer: Es gibt zwei Arten künstlicher Intelligenz. Die klassische Idee ist, dass sich jede menschliche Tätigkeit so genau beschreiben lässt, dass man sie in einem Algorithmus abbilden kann. Damit ist heute praktisch die ganze Menschheit konfrontiert - beispielsweise in Form der Internet-Suchmaschine Google. Der zweite Ansatz versucht, natürliche Formen von Intelligenz zu verstehen und nachzubilden.

In welche Kategorie fallen die Roboter, mit denen Sie sich intensiv auseinandersetzen?

Pfeifer: So lange es um die effiziente Automatisierung von Fertigungsprozessen geht, basiert Robotik weitgehend auf algorithmischen Lösungen. Die Abläufe sind bekannt, man kann sie programmieren. Ganz anders sieht die Situation aus, wenn sich Roboter in unserem Umfeld bewegen sollen - auf einer Strasse, in einer Menschenmenge. Da lässt sich nichts planen, das System muss direkt auf die Umwelt reagieren können. Mit Methoden der Fabrikautomation kommt man da nicht weiter.

Worin unterscheiden sich intelligente von bloss effizienten Maschinen?

Pfeifer: Ich drücke mich davor, dies zu definieren - das Verständnis von Intelligenz ist sehr subjektiv. Es ist deshalb schwierig, eine klare Grenze zu ziehen. Was wir aber erreichen möchten, sind Systeme, die auf Umweltsituationen reagieren können und lernfähig sind, indem sie andere imitieren.

Die Suche nach dem intelligenten Supercomputer ist in den Hintergrund getreten?

Pfeifer: Das ist so. Es gibt zwar noch immer viele, die an das Potenzial dieses Modells glauben. Ray Kurzweil geht mit seiner Theorie der technologischen Singularität davon aus, dass Computer schon bald viel intelligenter sein werden als ein menschliches Gehirn. Aber nehmen wir als Beispiel eine Einkaufstour in die Stadt: Eine intelligente Maschine, die eine solche bewältigen soll, muss gehen, Treppen steigen, auf andere reagieren und kommunizieren, Dinge ertasten, aufheben und erkennen, eine Tasche tragen und Auto fahren können. Da zeigt sich sehr rasch, dass ein Algorithmus wohl nicht das richtige Instrument ist, um diese ganze Komplexität abzubilden.

Und welches wäre das richtige Instrument?

Pfeifer: Die Interaktion mit der Umwelt, die über einen Körper vermittelt wird. Auch bei uns selbst wird alles, was wir über die Umwelt lernen, über den Körper vermittelt. Eine Tasse in die Hand zu nehmen, ist ein physikalischer Prozess. Dieser erzeugt jedoch ein Muster von Sensorstimulationen in der Hand, im Arm und visuell. Und diese Muster sind Rohmaterial, die das Hirn verarbeitet. Mit der Zeit lerne ich, eine recht genaue Vorhersage zu machen, wie sich eine Tasse anfühlen wird - egal, von welcher Seite oder aus welcher Distanz ich diese sehe. Mit einem automatisierten System liesse sich das nicht nachvollziehen.

Menschliche Intelligenz kennt den kreativen Umgang mit Fehlern. Ist künstliche Intelligenz dazu in der Lage?

Pfeifer: Im Prinzip ja. Ich kann ein System mit einer Zufallskomponente programmieren, damit es Dinge tut, an die ich gar nie gedacht habe. Wie ein Kind, das sehr viel zufällig lernt, indem es einfach ausprobiert. Manche Systeme arbeiten mit evolutionären Algorithmen: Sie veranstalten Wettbewerbe von Ideen, wobei die schlechten quasi absterben und die besseren mutiert und weiterentwickelt werden. Ob man diesen Prozess aber kreativ nennen kann - darüber lässt sich streiten.

Das Thema künstliche Intelligenz weckt Ängste - vor der Maschine, die uns entgleitet und schliesslich dominiert. Haben diese eine Berechtigung?

Pfeifer: Solche Entwicklungen aus wissenschaftlicher Perspektive gänzlich auszuschliessen, wäre unseriös. Man sollte den aktuellen Wissensstand nicht unter-, aber auch nicht überschätzen. Aber auf einer menschlichen Hand befinden sich mehrere hundert Druck- und Temperatursensoren pro Quadratzentimeter Haut, die zudem robust und ohne Funktionsverlust deformierbar ist. Wir sind noch weit davon entfernt, Derartiges künstlich nachbilden zu können.

Sehen Sie einen Unterschied zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz, den man auch in Zukunft nicht wird überwinden können?

Pfeifer: Prinzipielle Grenzen sehe ich keine, auch wenn es ein paar grosse Hindernisse gibt. Beispielsweise wird man eines Tages von der digitalen Technologie abrücken müssen, denn das Hirn ist nun mal kein digitales System. Digitale Schaltungen sind im Vergleich viel komplizierter und brauchen enorm viel mehr Energie.

Wie stark wird man in Zukunft natürliche und künstliche Intelligenz miteinander verschmelzen können?

Pfeifer: Das ist der Ansatz der Cyborg-Technologie, in der ich grosses Potenzial sehe. Gewisse Dinge sind einfach besser, wenn man sie auf biologische Art und Weise löst. Andererseits gibt es beispielsweise in der Rehabilitationstechnologie schon heute Lösungen wie die so genannten ‹assistive robotics›: künstliche Teile im Körpersystem, die Leute mit körperlichen Dysfunktionen selber steuern können und mit der Zeit als Teil von sich selbst zu verstehen lernen.

Mit implantierten Computerchips sind auch Risiken verbunden?!

Pfeifer: Es ist tatsächlich keine angenehme Vorstellung, dass ein eingebauter Mikroprozessor von einem Virus befallen würde. Beim Bestreben, alles miteinander zu vernetzen, ist Vorsicht geboten.

Wie stark wird dieses Thema das menschliche Leben in den nächsten Jahrzehnten noch verändern?

Pfeifer: Es hat unser Leben bereits fundamental verändert, und dieser Prozess wird fortschreiten. Das mag auf den ersten Blick erschrecken - aber man gewöhnt sich an vieles. Und grundsätzlich ist die Vorstellung von Maschinen, die rund um die Uhr für uns arbeiten, doch gar nicht so schlecht. Maschinen erhöhen schon heute unsere Autonomie. Wenn wir nicht mehr gut zu Fuss sind, nehmen wir doch viel lieber den Lift, als uns von jemandem die Treppe hochtragen lassen zu müssen.