Julian Perrenoud

Die Luft ist stickig, das Licht schwach. Die Akustik noch um einiges mieser. Wer in den vergangenen Jahren das Kleintheater besuchte, der wusste: Ihn erwartet ein dürftiger Rahmen. Der Jugendtreff sah von innen aus wie von aussen: verlottert. War ein Konzert ausverkauft, tropfte regelmässig Kondenswasser von den Wänden.

Da muss doch etwas gehen, sagte sich die Trägerschaft für offene Kinder- und Jugendarbeit Oberaargau (Tokjo). Dieses Jahr, am 29. Mai, schloss der Treff seine Türen. Seither reissen Bauarbeiter und Jugendliche Wände ein, hämmern, schrauben und streichen. Schon nächste Woche wollen die Verantwortlichen das neue Jugendkulturhaus eröffnen (siehe Kasten). Ein Augenschein vor Ort zeigt, dass noch viel Arbeit ansteht. Fertig ist der Mädchenraum - Mädchen gestalteten ihn in den Frühlingsferien um (wir berichteten).

Klettern sinnbildlich für Jugendarbeit

Schnell wird erkennbar, welcher Stil nun im ganzen Haus vorherrscht: rote Wände wechseln mit schwarzen ab. Das Kleintheater, das neu Kulturstall heisst, wirkt heller. Früher waren in diesem Stall Pferde untergebracht. Die Technik für Licht und Ton wird demnächst installiert. Veranstalter müssen fortan kein teures Material mehr für Theater, Konzerte oder Discos zumieten. Der Gang weiter hinten führt zu einem Raum, der bestenfalls für Gerümpel gut genug war. Hier setzten die Arbeiter den Hammer an, entstanden ist eine Lounge mit breitem Tresen. Auch das gabs zuvor im alten Jugendtreff nicht. Sogar eine Kletterwand - für das so genannte «Bouldern» - ist dort entstanden. Für die Jugendarbeiter verlangt eine solche Wand das ab, was sie den Jungen mitgeben wollen: Koordination, Gleichgewicht, Disziplin.

Im ersten Stock wird die Dekoration neu gestaltet. Neben dem Mädchentreff entsteht ein Internet-Café; an der grossen Fensterfront eine Sofaecke mit Tischchen. Zerschlissene Polstergruppen im 70er-Jahre-Stil sind passé. Neu sind auch die Toiletten, und endlich gibt es eine Lüftungsanlage. Die Stadt investierte 320 000 Franken, um das Jugendkulturhaus zu sanieren. Der grösste Posten verursachte dabei die Fundation: Das Haus hatte sich an der Seite um sechs Zentimeter abgesenkt, Risse entstanden. Dies zu korrigieren, war teuer. Tokjo und ein Architekt schauen, dass die Arbeiten reibungslos über die Bühne gehen. Vor Ort ist entweder Stellenleiter Thomas Bertschinger oder Anita Abegglen. Sie ist seit Frühling bei der Jugendarbeit zu 60 Prozent angestellt und wird «Neon» leiten.

«Nicht in Aktivismus verfallen»

Bertschinger will mit dem neuen Haus vor allem weg von einem Konsum-Treffpunkt: «Der Jugendtreff ist mit vielen Klischees behaftet - guten wie schlechten.» Die Jungen sollen, anstatt nur zu konsumieren, aktiv zum Programm beitragen. Was einfacher sein soll, als es klingt. Bertschinger ist überzeugt: Das hat viel Potenzial nach oben. Um Abegglen besteht noch kein festes Team, das «Neon» unterhält. «Aber wir sind flexibel und müssen nicht gleich in Aktivismus verfallen.» Sie glaubt, dass sich früher oder später genug Junge melden, denen etwas an diesem Haus liegt. Und wenn dies aus Eigeninitiative geschehe, seien sie sowieso motivierter.

Einige Jugendliche helfen in ihren Herbstferien beim Umbau mit. Von 10 bis 22 Uhr schleifen sie Böden und setzen Möbel zusammen. Der Stellenleiter will künftigen Besuchern vor allem Werte und gesellschaftliche Normen vermitteln. Im Zentrum soll der Spass stehen. «Wir wollen die Schulen ergänzen», sagt er. Und: «Ich betrachte Junge immer mit einem offenen Rucksack. Wir versuchen nun, möglichst viele Dinge in diesen hineinzupacken.»

Veranstalter reservieren bereits für 2010

Durch diese ausserschulische Bildung will Tokjo das Jugendproblem angehen; nicht an Defiziten, sondern am Potenzial arbeiten. Die Hauptzielgruppe sind 12- bis 16-Jährige. Einen Ansatz sehen die Tokjo-Mitarbeiter darin, dass «Neon» regelmässig geöffnet ist. Neu gibts jeden Mittwochnachmittag ein Lehrstellenbüro - ein immer gefragteres Angebot. Jugendliche können ihre Bewerbungen vorbeibringen und verbessern, in Rollenspielen Gespräche oder Telefonate üben. Am Freitagabend findet ein Tanzkurs statt. Montags und mittwochs ist der Mädchentreff. Konzerte stehen am Samstag im Kulturstall an.

Nächstes Jahr soll das Haus zusätzlich am Sonntagnachmittag geöffnet sein, Bertschinger liegt dies am Herzen. Viele Jugendliche hätten ihn darauf angesprochen. Sonntags gibt es sonst in der Stadt kaum Angebote.

Auch anderen Veranstaltern steht der Kulturstall offen. Die Langenthaler scheinen auf die Wiedergeburt gewartet zu haben, denn: Laut Bertschinger gehen bei der regionalen Jugendarbeit bereits Reservationen für 2010 ein. Grundsätzlich soll das Angebot breit werden: mit Theater-, Tanzprojekten, Partys, Konzerten, Film- und Spielabenden. Abegglen findet: «Neon» ist für die ganze Langenthaler Kulturszene wichtig. Es sei eines der wenigen Lokale in der Stadt, das jungen Kulturschaffenden erlaube, sich zu entfalten. Schliesslich sollen aber nicht Jugendarbeiter das Kulturhaus in die Zukunft führen, sondern die Jungen selber. Ganz im Sinne von «Jugendliche für Jugendliche». Ob dies schon 2010 klappt, wird sich zeigen.