Talentshow
Weder Frosch noch Garage: Keine Chance

Seit Samstagabend, seit ihrem Auftritt in der Talentshow des Schweizer Fernsehens, ist die singende Buschauffeuse aus Kaiseraugst, Maya Wirz, in aller Munde. Hat sie Chancen ein Superstar zu werden? Das sagt der Opernkritiker.

Christian Berzins
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Märchen sind dazu da, wiederholt zu werden. Spätestens seit Samstagabend, als Maya Wirz in der Casting-show «Die grössten Schweizer Talente» auftrat und Christa Rigozzi nach ihrem Vortrag unter Tränen das Wort «ein femininer Pavarotti» hauchte, sind wir erinnert an Susan Boyle. Die Engländerin siegte vor zwei Jahren bei der britischen Castingshow «Britains Got Talent».

Stimme alleine genügt nicht

Boyle ist das grosse Vorbild der Busfahrerin Maya Wirz. Doch Boyle und ihr einstiges männliches Pendant Paul Potts hatten nicht Erfolg, weil es, wie Wirz meint, egal ist, wie einer aussieht. Beide hatten Erfolg, weil sie so fürchterlich aussahen. Die schrägen Zähne von Potts standen konträr zum glänzenden «vincerò», das er in den Himmel stemmte.

Stimme alleine genügt nicht. Es gibt viele Opernsängerinnen, aber keine sieht so gut aus wie Anna Netrebko. Es gibt viele Paul Potts, aber keiner glich so sehr einem Frosch. Susan Boyle sah, nach eigener Aussage, aus wie eine Garage. Maya Wirz sieht ganz normal aus. Das ist ihr Problem. Denn von der Stimme muss man nicht lange reden, trotz Gesangsausbildung.

Viele Töne sitzen, ein Piano kennt sie aber nicht. Egal: nach dem Vers «O mio babbino caro» brandet bereits Jubel auf. Giacomo Puccinis Macht ist gross. Nicht umsonst singen Sopranistinnen die Arie der Lauretta aus «Gianni Schicchi» oft als Zugabe.

Kaum Atem, viel Kraft

Bereits Wirz’ «caro» im ersten Vers klingt unschön blechig, fast englisch. Das erste «o» von «mi piace, è bello, è bello» im zweiten Vers hat bereits keinen Klang mehr, das zweite «bello» wird zu «beo». Kein Wunder: Wirz geht bereits der Schnauf aus. Wo sich jede italienische Provinzsopranistin in eine Übung der Ruhe begibt und die Emotionen sanft rührt, zeigt sich Wirz als Trampel. Auf «Annello», dem Schluss des vierten Verses, fehlt trotz ungestümem Tempo die Kraft. Jeglicher Glanz erlischt.

Dann aber, im zweiten Teil, kann Wirz etwa bei «Ponte Vecchio» durchaus mal einen Vokal geniessen. Doch schon das «o» des «Arno» ist verschluckt. Auf dem «i» von «O dio» bleibt Wirz mutig etwas länger stehen, was zur Folge hat, dass der Ton unschön im Studio rumirrt. Die schönste Phrase ist die letzte: da sind Gestaltung und Schönheit. Doch der Schlusston macht alles zunichte.

Für Maya Wirz ist bei der Casting-show noch lange nicht Schluss. Die klassische Stimmkarriere hingegen ist längst vorbei. Aber im Showgeschäft spielt bekanntlich auch Aussermusikalisches eine Rolle.

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