Lebensmittelkontrolle
Wässrige Milch und madige Nudeln

Schon seit 100 Jahren prüft das kantonale Amt für Verbraucherschutz Lebensmittel, Gebrauchsgüter und Betriebe darauf, dass sie die Gesundheit der Bevölkerung nicht gefährden.

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Verschimmelte Würste

Verschimmelte Würste

Aargauer Zeitung

Alois Felber

Das heutige Amt für Verbraucherschutz nahm seinen Betrieb am 1. Juli 1909 auf. Nur fünf Personen waren zu Beginn am Kantonalen Laboratorium, wie das Amt noch bis 2005 hiess, für die Umsetzung des damals neuen Lebensmittelgesetzes zuständig. Eine Jubiläumsschrift beschreibt jetzt umfassend, mit welchen immer wieder wechselnden Aufgabenfeldern sie und ihre Nachfolger bis heute konfrontiert wurden.

Autorin Doris Rütimann, Historikerin und Leiterin der Amtsadministration, hat aus den Jahresberichten aller fünf bisherigen Kantonschemiker Grundsätze und Episoden zusammengetragen, welche auch spannende, ekelerregende und belustigende Einblicke in die alltägliche Arbeit der Lebensmittelkontrolle gewähren.

Kot, Blut und Eiter in der Milch

So waren zu Beginn Milch, Wein und Wasser ein schwergewichtiges Problemfeld, mit dem sich das Labor beschäftigte. Milch wurde oft mit Wasser gestreckt, oder sie war wegen mangelnder Stallhygiene vielfach mit Dreck, Kot, Blut oder Eiter verschmutzt. 1913 mussten 8,7 Prozent aller Milchproben beanstandet werden. Ein bedenkliches Resultat in Anbetracht, dass Milch damals roh getrunken wurde, was natürlich auch immer wieder zur Verbreitung von Krankheiten führte.

Schon der erste Kantonschemiker, Johannes Werder (1909-1924), berichtete aber auch über kuriose Vorkommnisse. So hatte ihm beispielsweise 1911 jemand zwei verdächtige Eier geschickt, um zu prüfen, ob diese künstlich hergestellt worden seien. Dieses Märchen spuke noch immer im Volke herum und natürlich hätten sich die Eier nicht als Kunstprodukte erwiesen, hielt Werder fest.

Die Methoden, mit denen damals gearbeitet wurde, waren manchmal etwas gewagt. So ging 1912 nach dem Tod eines 12-jährigen Knaben das Gerücht, dass der Genuss von Datteln schuld gewesen sei. Kurzerhand wurden die Früchte am Laboratorium verkostet. Nach dem Genuss von 18 Stück ging es den Labormitarbeitern immer noch gut. Der Knabe war an einer Lungenentzündung gestorben.

Noch während des Ersten Weltkriegs stiessen die Trinkwasserkontrollen des Labors vielerorts auf Unverständnis. 1916 hatten Untersuchungen ergeben, dass mehr als die Hälfte der Wasserproben zum Trinken ungeeignet waren. In einem Zeitungsartikel wurde darauf folgendermassen reagiert: «Noch haben wir eine schöne Zahl 75- bis 85-Jähriger im Dorf, das beste Zeichen, dass das Trinkwasser unserer Brunnen nicht so ungesund ist.»

Aus heutiger Sicht erstaunlich sind aber auch die Ansichten früherer Kantonschemiker. So war Karl Wiss (1924-1949) der Meinung, man müsse die Tendenz bekämpfen, alle Arten von Lebensmitteln im gleichen Laden zu verkaufen. Das grössere Warenangebot fördere Unordnung und Hygienemängel.

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts bescherte dann die zunehmende Gewässerverschmutzung dem Kantonalen Labor neue Arbeitsfelder. So wurden ab 1964 Badwasseruntersuchungen durchgeführt.

Affen in der Küche, Lebensmittel im WC

Ein Dauerbrenner über all die Jahrzehnte waren aber Hygieneprobleme bei Gastststätten und lebensmittelverarbeitenden Betrieben, die bei Kontrollen offenbar wurden. So hielt Kantonschemiker Claudio Mosca (1950-68) 1967 fest: «In einem Gastbetrieb wurden neben der Küche Affen gehalten.» Andernorts seien Lebensmittel im WC gelagert worden.

Die Inspektoren des Amts mussten offenbar einen robusten Magen haben. Denn Hans Broger, der diesen Beruf von 1960 bis 1987 ausübte, berichtet in der Jubiläumsschrift von so unangenehmen Funden wie einer zerquetschten Maus, die er einmal in 100 Buttermödeli verteilt entdeckt habe, weil sie in eine Förderschnecke geraten sei. In einem anderen Fall habe man in einer Wurst Zigarettenreste gefunden, in einem Brot einen eingebackenen Kindernuggi. Broger hatte es ausserdem auch schon mal mit einer importierten Lieferung von 3,6 Tonnen Teigwaren zu tun - mit sauber eingearbeiteten Würmern und Maden.

Auch Kantonschemiker Hans-Rudolf Weilemann (1968-1989) schrieb in seinen Jahresberichten vom mancherorts eigenwilligen Hygieneverständnis beim Umgang mit Lebensmitteln. Etwa vom Fall einer Bäckerin, die alte Cremeschnitten feilbot und bei der Inspektion erklärte, dass diese gar nicht mehr für den Verkauf gedacht seien, sondern nur für Schulkinder. Und noch Weilemanns Nachfolger und heutige Amtschef Peter Grütter musste über wahre Horrorküchen in Gaststätten schreiben: Von Suppentöpfen, die nach Fäkalien stanken etwa, oder von Böden, die mit Mäusekot übersät waren.

Von Radioaktivität und Nanopartikeln

Auch wenn Grütter heute der Mehrheit der Lebensmittelbetriebe ein positives Zeugnis ausstellt, geht dem Amt die Arbeit nicht aus. Deren Spektrum wurde im Laufe der Jahre auch immer breiter. Sei es, dass nach dem Unfall von Tschernobyl 1986 Radioaktivitätsmessungen aktuell wurden oder Produkte seit den Neunzigerjahren auf gentechnisch veränderte Bestandteile geprüft werden.

Ab 2010 kontrolliert das Amt neu auch den Passivraucherschutz in Gaststätten. In einem Ausblick nennt die Jubiläumsschrift schliesslich den Einsatz von Nanopartikeln bei Verpackungen und Kosmetik als ein Beispiel vieler Themen, welche das Amt künftig noch beschäftigen könnten.

Bezug: Gedruckte Exemplare der Jubiläumsschrift sind kostenlos beim Amt für Verbraucherschutz
erhältlich (doris.ruetimann@ag.ch). Download
im Internet: www.ag.ch/verbraucherschutz

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