Was wäre, wenns Feuer überspringt

Im Gedenken an den Brand des Städtchens vor 175 Jahren wurde in Huttwil eine Wassertransportkette gebildet. Pfarrer Simon Jenny nahm eine Predigt auf, die sein Vorgänger nach dem Brand gehalten hatte. Er rief zur tätigen Liebe für verängstigte Mitmenschen auf.

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Solothurner Zeitung

Jürg Rettenmund

Diesmal war es nicht der Blitz: Beobachtet von neugierigen Kindern legt Beat Gurtner vom Bauunternehmen Trüssel Feuer an die Holzhütte, die die Kirchgemeinde zum Gedenken an die Brandnacht vom 8. und 9. Juni 1834 vor der Kirche hat aufstellen lassen.

Und schon erschallt das Feuerhorn. Hufe klappern auf dem Brunnenplatz. Zwei Pferde ziehen die vom Oldtimer-Verein fachgerecht restaurierte Handdruckspritze von der Neuegg auf den Brandplatz, die schon beim Städtlibrand dabei gewesen war.

Wasser, Wasser ...

Hinterher eilt die Mannschaft in ihren blau-weissen Bauernhemden und den Zipfelmützen. «Wasser, Wasser», schreit es zwar nicht wie in Gotthelfs Brand von «Aufbegehrigen» von allen Seiten her. Aber doch von diesen Männern, und aus den Besuchern bildet sich auf der Marktgasse die von der Kirchgemeinde initiierte Wassertransportkette. Sie stockt zwar zuweilen, weil nur eine Reihe gebildet werden kann. Doch zusammen mit den Trägern, die das Wasser vom nahen Brunnen herbeischleppen, schafft sie es, die Spritze in Gang zu halten. Spass ist diesmal auch dabei, hält das Feuer sich doch in der aufgestellten doppelten Wanne still. Und doch wird vielen klar, was es an Koordination und auch an Kraft brauchte, um eine solche Transportkette über längere Zeit aufrechtzuerhalten: Nach rund einer halben Stunde beginnen die Kräfte sichtlich zu schwinden.

«Was wäre gewesen, wenn das Feuer wie 1834 von der Zehndscheune auf das ganze Städtchen übergesprungen wäre?», fragt Pfarrer Simon Jenny im anschliessenden Gedenkgottesdienst, der wegen der unsicheren Wetterlage vom Brunnenplatz in die Kirche verlegt wurde.

Pfarrer Stählis Strafpredigt

Mit Texten über den Brand lassen Jenny und Kirchgemeinderat Heinz Graf das Angst und Schrecken verbreitende Gross-feuer lebendig werden. Und dann steigt Jenny auf die Kanzel und hält den heutigen Huttwilern die Strafpredigt, die sein Vorgänger Gottlieb Rudolf Stähli am gleichen Ort eine Woche nach der Katastrophe in den Ruinen gehalten hatte.

Der Gott, den Stähli predigte, gleiche eher einem Bösewicht in einem Actionfilm als dem Gott der Liebe, den er kenne, kritisierte Jenny. Sein Gott steht dagegen wie die heutige Huttwiler Kirche immer noch schräg in der Welt: Er drückt den Verängstigten nicht nieder, indem er ihm die Schuld für sein Unglück auflädt. «Der Gott, der die Menschen liebt, gibt ihm vielmehr das Gefühl, dass er in der Katastrophe nicht allein ist. Er verpflichtet uns, es ihm gleichzutun.»