Was kostet eine ruhige Nacht?

Den alten Brauch des Maitannli-Stellens will man lebendig erhalten. Doch wie soll man den Stellbuben die Freinacht ermöglichen und gleichzeitig den Dorfbewohnern Lärm und Ärger ersparen? Die Behörden haben sich einiges einfallen lassen.

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Stellbuebe

Stellbuebe

Solothurner Zeitung

Marie-Christine Andres

Wer jetzt noch keinen hat, sollte im Dorflädeli «last minute» einen kaufen. Einen Kleber, der heute Nacht das Gartenmobiliar vor den Streichen der Stellbuben schützen soll. Nach altem Brauch sind nämlich in der Nacht auf den ersten Mai in den Dörfern der Region die Stellbuben unterwegs. Meist stellen die jungen Männer, die im Folgejahr ihren 20. Geburtstag feiern, ihren Jahrgängerinnen im Dorf ein Maitannli auf. Zum Tannlistellen gehören aber vielerorts auch ein Fest und das «Verschleipfe»: Rund um die Häuser schleppen die Stellbuben alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist und deponieren es im Dorfzentrum.

Was ursprünglich ein rituelles Aufräumen des Dorfes war, führte in den vergangenen Jahren vermehrt zu Sachbeschädigungen, Lärmbelästigung und Reklamationen der Bevölkerung. Von «grobem Unfug» und «schwerem Vandalismus» sprach die Polizei, von «Chaoten, die ihr Unwesen treiben» die Anwohner. Statt Gartenzwerge und Blumenkistli verschleppten die Stellbuben ganze Zäune, mitunter hängten sie Gartentürchen und Fensterläden aus.

Es geht um die richtige Einstellung

Dass die Stellbuben oder «Stäcklibuebe» ihre Nacht feiern sollen, ist in der Mehrheit der Gemeinden unbestritten. Gegen den Vandalismus treffen die Behörden aber seit einigen Jahren Vorkehrungen. Zum Beispiel die Kleberlösung: Kleber oder farbige Punkte am Briefkasten bezeichnen diejenigen Haushalte, die vom Verschleppen verschont bleiben möchten. Die Kleber werden von den Jahrgängern im Vorfeld der Mainacht im Dorf verkauft, den Preis bestimmen sie selber. An einigen Orten kann man sie zusätzlich auf der Gemeindeverwaltung oder in Dorfgeschäften kaufen. Die Kleberlösung kennen unter anderem Riedholz, Oberbuchsiten, Oberdorf und Kestenholz. «Diese Praxis ist bei uns allgemein akzeptiert», heisst es bei der Gemeindeverwaltung Oberbuchsiten. «Das Prinzip funktioniert sehr gut», sagt man auch in Riedholz. Zu Verstimmungen führte der Kleberverkauf hingegen letztes Jahr in Oberdorf. «Sieben Franken für eine Vignette - das empfanden die Leute als Erpressung», sagt Gemeindeschreiber Fredy Schmitter. Weil die jungen Dorfbewohner nicht nur beim Kleberpreis, sondern auch in ihrer Freinacht mächtig über die Stränge schlugen, informierte der Gemeinderat den aktuellen Jahrgang an der Jungbürgerfeier im November über die Spielregeln für die Mainacht. Erste positive Effekte seien bereits sichtbar: Der Kleber kostet neu nur noch fünf Franken. «Wir sind zuversichtlich - diese Jungen haben eine gute Einstellung», sagt Schmitter.

Die richtige Einstellung zum alten Brauch scheint den Behörden das Hauptanliegen zu sein. Die Kantonspolizei Solothurn appelliert in ihrer Medienmitteilung an die Jugendlichen, den Brauch friedlich zu feiern, damit die Nacht in guter Erinnerung bleibt. Abgenommen haben die Zwischenfälle in den letzten Jahren in Herzogenbuchsee, obwohl das «Verschleipfe» auch von den Oberaargauer Stellbuben gepflegt wird. Jedoch patroulliert in der Buchser Mainacht seit ein paar Jahren die Securitas. Von Verboten scheint niemand etwas zu halten, man will den Jungen die Freinacht lassen. Denn egal, ob Gemeindepräsident oder Kantonspolizist: Jeder weiss eine Anekdote aus eigener Stellbubenzeit zu erzählen. Viele Gemeinden investieren einiges an Zeit und Geld, um den Jugendlichen das Brauchtum zu vermitteln.

«Ihr wollt euch doch nicht blamieren»

In Bettlach suchen Vertreter der Jugend-, Kultur- und Sportkommission vor der Mainacht das Gespräch mit den Jugendlichen. «Läuft dann in der Nacht X alles geordnet ab, bezahlen wir den Jahrgängern einen pauschalen Betrag aus», sagt Bauverwalter Titus Moser. Verschleppt werde fast nichts mehr. Kein Geld für die Stellbuben gibt es in Matzendorf: Gemeinderat Daniel Flury setzt schon seit einigen Jahren auf den Dialog. An einer Infoveranstaltung Anfang April appellierte er an seine 19-jährigen Mitbürger: «Alkohol mit Mass - ihr wollt euch doch nicht vor den Mädchen blamieren.»