Gefährdungsanalyse
Was ist, wenn es im Aargau bebt?

Was in den Abruzzen geschehen ist, kann auch den Kanton Aargau treffen. Der Bevölkerungsschutz bereitet sich ganz konkret darauf vor, die Auswirkungen eines ähnlich schweren Erdbebens bewältigen zu können.

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Was ist, wenn es im Aargau bebt?

Was ist, wenn es im Aargau bebt?

Zur Verfügung gestellt

Alois Felber

Die Erde bebt in den frühen Morgenstunden eines Werktages im Winter. Die Bevölkerung wird im Schlaf oder auf dem Weg zur Arbeit überrascht. Eine Folge von Erdstössen mit einer Intensität von sieben bis acht auf der zwölfteiligen Makroseismischen Intensitätsskala (siehe Kasten) trifft 130 000 Menschen im Hauptschadenraum von 10 Kilometern rund ums Epizentrum. Und dieses liegt nicht in Italien oder Griechenland, sondern im Aargau. Die Menschen fliehen ins Freie. Giebelteile und Dachgesimse stürzen ein. Einige Gebäude kollabieren ganz. Gegen 100 Menschen werden getötet. Es gibt über 150 Verschüttete und Schwerverletzte. 1200 Personen werden leicht bis erheblich verletzt.

Einmal alle 500 bis 1000 Jahre

Das ist kein böser Traum, inspiriert durch die Bilder des Erdbebens in den Abruzzen. Es ist ein Szenario, auf das sich im Aargau alle 34 Regionalen Führungsorgane (RFO) mit den Partnerorganisationen des Bevölkerungsschutzes vorbereiten. Denn das Erdbeben ist eines der 25 möglichen Katastrophenszenarien, welche die vom Kantonalen Führungsstab (KFS) erarbeitete Gefährdungsanalyse Aargau definiert hat. Und diese werden seit 2008 in Workshops bearbeitet, um bestehende Defizite für ihre Bewältigung zu erkennen.

Dabei ist das Erdbeben sicher nicht die Unwahrscheinlichste aller 25 Katastrophen. René Müller, Chef der Sektion Katastrophenvorsorge im kantonalen Departement Gesundheit und Soziales, beziffert die Eintretenswahrscheinlichkeit des so genannten Referenzszenarios, auf das sich die Vorbereitungen ausrichten, auf einmal in 500 bis 1000 Jahren. Dessen Intensität entspricht etwa einem Beben, das 1946 im Wallis zwei Tote forderte.

Denkbar ist zwar noch weit Gravierenderes. Ein Erdbeben wie das von Basel 1356 bildet das in der Gefährdungsanalyse ebenfalls minuziös beschriebene Worst-Case-Szenario mit über 1500 Toten, 6000 Verschütteten, 40 000 Verletzten. Seine Eintretenswahrscheinlichkeit wird auf einmal in 10 000 bis 100 000 Jahren geschätzt. Doch der Worst Case dient nur dazu, zu überlegen: «Was, wenn es noch viel schlimmer kommt?», erklärt Müller.

Intensität und Magnitude

Erdbeben werden in der Gefährdungsanalyse Aargau anhand ihrer Schadenwirkung im Epizentrum eingestuft. Dazu wird die Makroseismische Intensitätsskala verwendet. Sie reicht von eins (nicht fühlbar) bis zwölf (vollständig verwüstend) und verwendet römische Ziffern, um Verwechslungen mit der Magnitude nach der viel bekannteren Richterskala zu vermeiden. Diese beschreibt die freigesetzte Energie, sagt aber wenig über die verursachten Schäden aus. Mit dem Referenzszenario vergleichbare historische Beben hatten beispielsweise Magnituden von leicht über 6. (alf)

Bis zu 21 000 Gebäude beschädigt

Denn das Referenzszenario selber ist schon schwierig genug: Im Hauptschadenraum sind bis zu 70 Prozent aller gemauerten Häuser und bis zu 30 Prozent der Betongebäude beschädigt. Je nach Region, die es trifft, sind das bis zu 21 000 Gebäude total. 150 davon sind so stark beschädigt, dass 900 Bewohner längerfristig obdachlos bleiben. Für 25 000 Menschen ist eine Rückkehr in ihre Häuser zumindest so lange fraglich, bis Fachleute deren Stabilität beurteilt haben.

«Alles einsetzen, was da ist»

Zu den unmittelbaren Auswirkungen kommen Folgeprobleme wie Brände und Explosionen hinzu. Wo Chemiewerke betroffen sind, können toxische Substanzen freigesetzt werden. Wasser- und Energieversorgung sind unterbrochen, und, und, und . . .

Die Herausforderungen an die Helfer sind fast uferlos. «Man muss sich vor allem bewusst sein, dass bei einem Erdbeben die direkt betroffenen lokalen Kräfte von Polizei, Feuerwehr und Sanität natürlich nicht einsatzfähig sind», so Müller. Das bedeute, dass man sofort Verkehrswege als Rettungsachsen ins Schadengebiet öffnen und Hilfe von aussen zuführen müsse. Und: «Man muss alles einsetzen, was da ist.» Sei es für die Behandlung der Verletzten, die Bergung der Verschütteten, die Kontrolle der Gebäude, die Unterbringung der Obdachlosen und nicht zuletzt auch deren psychologische Betreuung.
Zum Einsatz kommen natürlich nicht nur kantonale Mittel wie das Kantonale Katastrophen-Einsatzelement, sondern auch Feuerwehren, Sanitäts- und Zivilschutzkräfte von ausserhalb, die Armee und internationale Hilfskräfte. Sie alle zu koordinieren, ist eine der ganz grossen Aufgaben, die der KFS zu bewältigen hat.

«Wir wollen keine Angst machen»

Dass die Folgen eines Erdbebens im Aargau aber bewältigt werden können, davon ist René Müller überzeugt. «Unserer Gefährdungsanalyse soll den Leuten ja auch keine Angst machen», betont Müller. Im Gegenteil gehe es darum, eine gewisse Art von Beruhigung zu schaffen. Dadurch, dass man genau anschaue, was im Ernstfall passieren könne und Lücken in der Vorbereitung schliesse.