Warum sich die Aargauerinnen gerne ausziehen

Viele Aargauerinnen sind «Seite-1-Girls» des «Blicks». Wenn sich eine normale Frau für den «Blick» auszieht, wird es möglich, einen Tag im Leben ein «Star» zu sein. Eine Psychotherapeutin findet dies nicht unproblematisch.

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Schweiz am Sonntag

Maja Sommerhalder

Der Aargau zieht sich aus - zumindest seine Frauen. Auffällig viele junge Frauen aus dem Kanton pilgern nach Zürich, um vor dem «Blick»-Fotografen Geri Born zu posieren. Dies, obwohl die «Seite-1-Girls» des «Blicks» dabei fast nackt sind und mit nur gerade 200 Franken entschädigt werden - wenn sie die Brustwarzen zeigen, werden die Spesen am Schluss des Shootings verdoppelt. Seit dem letzten Oktober räkelten sich etwa 130 Frauen auf der ersten Seite der Boulevardzeitung - 19 davon kamen aus dem Aargau. Damit belegt der Aargau den zweiten Platz. Die meisten der «Seite-1-Girls» wohnen im Kanton Zürich.

«Vielleicht leben im Aargau einfach viele schöne und mutige Frauen. Zudem dürfte die Nähe zum Kanton Zürich ebenfalls eine grosse Rolle spielen», vermutet Born. «Seite-1-Girl» kann jede Schweizerin werden, die zwischen 20 und 30 Jahre alt ist. «Sie brauchen keine Modelmasse. Wir freuen uns über jede Anmeldung», sagt Ana Maria Haldimann, Verantwortliche des Shootings. Mithilfe von Schminke und fotografischem Können werden die Frauen dann in das beste Licht gerückt. «Jede Frau hat etwas Schönes. Das wollen wir zeigen», so Haldimann.

Die Beweggründe der «Seite-1-Girls» seien unterschiedlich, so Fotograf Born: «Viele möchten einfach schöne Fotos von sich haben.» Es sei teilweise auch eine Art von Revolte: «Die Frauen stellen sich hin und protestieren so gegen veraltete Normen, die in unserer Gesellschaft schleichend wieder eingeführt werden.»

Die Badener Psychotherapeutin Ruth Luchsinger glaubt nicht, dass die Frauen gegen konservative Werte rebellieren: «Vielleicht wollen sie ihr Umfeld provozieren.» Derzeit sei es in Mode, dass man sich freizügig zeige. «Das kann man in diversen Fernsehsendungen sehen.» Das Bedürfnis, sich darzustellen, werde von den Medien sogar angeheizt. «Für viele Frauen ist es verlockend, einmal wie ein Star oder Model gestylt und fotografiert zu werden.»
Zudem sei es normal, dass sich junge Frauen gerne präsentierten: «Das war schon immer so und ist legitim.» Und warum wollen so viele Aargauerinnen für einen Tag lang ein «Star» sein? «Der Weg nach Zürich ist nicht weit», so Luchsinger. Zudem sei der Aargau ein ländlicher Kanton. In urbanen Gebieten hätten junge Frauen früher die Möglichkeit, sich darzustellen. «Wenn sie dann das richtige Alter haben, um beim ‹Blick›-Shooting teilzunehmen, haben sie dieses Bedürfnis schon ausgelebt.»

Obwohl Luchsinger die Fotos nicht anstössig findet, warnt sie vor den Folgen: «Man präsentiert sich ja nicht nur für einen Tag einer grossen Öffentlichkeit.» Die Bilder könnten noch Jahre später im Internet heruntergeladen werden. «Wenn man sich für eine Arbeitsstelle bewirbt, könnte sich das negativ auswirken.» Man habe keine Kontrolle, wer sich die Aufnahmen alles anschaue. «Sie könnten missbraucht werden.» Auch dürfe man das Schamgefühl nicht unterschätzen: «Das kann erst in einer späteren Lebensphase aufkommen.» Schon jetzt erkennt man auf den Bildern, dass sich gewisse Frauen schämen, meint Luchsinger: «Die Körperhaltung drückt Widerstand aus.»

Nachteile? «Von wegen», meint «Blick»-Fotograf Born: «Der Arbeitgeber muss sein Einverständnis abgeben. Zudem behandeln wir die Frauen so, dass sie mit einem guten Gefühl das Shooting verlassen.» Die «Seite-1-Girls» wüssten im Übrigen genau, auf was sie sich einlassen würden: «Sie sind schliesslich keine naiven Huschelis, sondern stark, selbstbewusst und rebellisch.»