Vorerst kein vierjähriges Gymnasium

Der Grosse Rat sprach sich gestern gegen das durchgehende vierjährige Gymnasium aus. Er will das Anliegen jedoch prüfen. Auch die Einführung von Bildungsstandards am Gymer soll erst mal unter die Lupe genommen werden.

Johannes Reichen

Die Zeit sei reif für einen vierjährigen Gymer, findet der Langenthaler EVP-Grossrat Reto Steiner. Die Meinung wurde gestern vom Grossen Rat nicht geteilt. Steiners überparteiliche Motion wurde aber mit 87 Ja zu 51 Nein als Postulat überweisen. Der Grosse Rat folgte damit dem Antrag der Regierung. Sie wird nun die Einführung des vierjährigen Gymnasiums prüfen müssen. Das Motto von Corinne Schärer (Grüne/Bern) passte dem Parlament schon mehr: «Das braucht Geduld.»

Heute können Schüler das erste Gymerjahr am Gymnasium oder in der 9. Klasse der Sekundarschule absolvieren. Von diesen zwei Modellen wollte Steiner Abstand nehmen. Im zweiten Jahr müssten die Klassen neu geformt werden und alle Schüler auf den gleichen Stand gebracht werden. Ein Nachteil, der sich in nationalen Leistungsvergleichen bestätige, sagte er. In einer Evaluation hätten jene Kantone besser abgeschnitten, die nur den vierjährigen Gymer anbieten.

Bildungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) sah durchaus Argumente für den vierjährigen Gymer, etwa die Stärkung des Schwerpunktfachs, das so vier Jahre lang angeboten werden kann. Es müsse jedoch sichergestellt werden, dass «die Volksschule nicht zum Verlierer wird». Das 9. Schuljahr sei Thema für die Revision des Volksschulgesetzes 2012.

Die Qualität verbessern - aber wie?

Reto Steiners Motion war nur einer von drei Vorstössen zur gymnasialen Ausbildung - sein Parteikollege Daniel Steiner (Langenthal) sieht ebenfalls grossen Handlungsbedarf auf dieser Stufe. Ebenso das Parlament - es folgte seiner Motion, wonach der Regierungsrat einen Bericht vorlegen muss, wie die Qualität der Maturität verbessert werden könnte.

Und weil eben ein Bericht zur Qualität an den Gymnasien erst noch erstellt wird, konnten viele sich nicht anfreunden mit Daniel Steiners zweiter Motion, die Bildungsstandards für Maturitätsschulen verfolgt. Analyse und Handlung gleichzeitig, war dem Parlament zu viel. Auch dieser Vorstoss wurde letztlich als Postulat - mit 91 Ja zu 44 Nein - überwiesen. Die Regierung wird die Einführung von Bildungsstandards prüfen.

«Eltern, Behörden und Hochschulen wollen wissen, was die Gymnasien leisten», sagte Steiner. Die Gymnasien könnten an Glaubwürdigkeit gewinnen, wenn sie über Standards und «entsprechende Testverfahren» verfügten. So könne man ein «Zeichen für eine qualitativ hochstehende Matur» setzen.

Kein Berner Alleingang

Roland Näf (SP/Muri) war da schon kritischer eingestellt, wie seine Partei gegenüber Leistungstests: «Wenn man eine Sau ständig wägt, wird sie auch nicht fetter.» Auch Therese Rufer (BDP/Zuzwil) sprach sich dagegen aus: «Eine Harmonisierung ist besser als ein Alleingang.»

Auch der Regierungsrat sprach sich gegen eine definitive Einführung aus. Mit dem kantonalen Lehrplan sei eine bestimmte Harmonisierung schon gegeben, und im Mittelschulbericht, der für Herbst 2009 in Auftrag gegeben wurde, werde die Frage nach Standards behandelt.

Der Kanton Bern könne nicht den Alleingang wählen, sagte Bidlungsdirektor Pulver. «Zuerst warten wir auf die Standards bei Harmos». Zudem stellte er die Frage, ob eine standardisierte Bildung überhaupt der richtige Weg sei. «Ist die Bildung besser, wenn alle das gleiche wissen?» Pulver wird die Einführung prüfen, aber vorerst will er die Gymnasien «vor einer weiteren Reform verschonen».

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