Titelbilder befinden sich im DC Aarau
Von heimattümelnd bis weltoffen

Stadtprospekte sind ein Spiegelbild ihrer Zeit. Vor genau 50 Jahren ist der erste «Führer» durch die Kantonshauptstadt erschienen. Er lässt sich mit dem jüngsten «Portrait» Ende 2009 kaum vergleichen.

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Stadtprospekt Aarau
4 Bilder
Stadtprospekt Aarau 1959
Stadtprospekt Aarau 1970
Stadtprospekt Aarau 2001

Stadtprospekt Aarau

Hermann Rauber

Der Titel der in der vergangenen Woche vorgestellten neuen Stadtbroschüre ist schlicht: «Aarau – Ein Portrait» steht auf der Titelseite über einer Fotografie des Adelbändli. Sie repräsentiert die «Altstadt mit Charme», die Stadtammann Marcel Guignard im Vorwort beschwört, unmittelbar gefolgt von der «hervorragenden Wohnlage» und der «florierenden Wirtschaft» mit attraktiven Arbeitsplätzen und einem vielfältigen Bildungsangebot. Nicht fehlen dürfen das «rege Kulturleben», die «reichhaltigen Sport- und Freizeitmöglichkeiten» und ein «schönes Naherholungsgebiet» direkt vor der Haustür. Das künftige Stadtquartier Rohr ist immerhin mit dem Hinweis auf die einmalige Auenlandschaft an der Aare vertreten.

1959 erschien die erste Publikation, die sich explizit an «Freunde, Gäste und Neuzuzüger» der Stadt Aarau wandte. Als Umschlagbild diente die historische Stadtansicht von Hans Ulrich Fisch von anno 1612, abgeholt wurde der Nutzer mit der Anrede «Lieber Leser», dem «das Erwarmen und Wurzelfassen» in Aarau erleichtert werden sollte. Das Büchlein sollte ein «Stück Heimatgeschichte» und den «eigenen Geist des Ortes» vermitteln. Die «Kreuzfahrt durch Aarau» präsentiert sich textlastig (aus der Feder des Lokalhistorikers Paul Erismann) und etwas oberlehrerhaft, im Grunde aber klassisch, das heisst im Schwerpunkt retrospektiv und überaus beschaulich.

Identität der Aarauer unverändert

1968 erlebt das «Kleine Stadtbuch von Aarau» eine Neufassung, diesmal mit einem Text von Lehrer und Historiker Theodor Elsasser. Den Umschlag ziert ein Gemälde von Otto Wyler, zum Einsatz kommt gleich auf den ersten Seiten eine Luftaufnahme (in Schwarzweiss). Am Stil ändert sich wenig, das hohe Lied auf die «reizvolle Altstadt» fehlt ebenso wenig wie der Hinweis auf «Brauchtum und Feste». Ein ganzes Kapitel gilt der heute verblassten Rolle von Aarau als «Waffenplatz und Reiterstadt», wobei immerhin auch die «modernen» Quartiere in der Goldern und in der Telli als Beitrag zum «Weiterausbau unserer Stadt und Heimat» sanften Niederschlag finden.

In den 70er-Jahren kommt endlich Farbe in die Aarauer Selbstdarstellung, mindestens auf den Fotografien – als Cover dient ein Bachfischet-Lampion. Der Textteil wird stattdessen wohltuend kürzer (Autor ist der damalige Redaktor Ulrich Weber). «Die Aarauer sind durchwegs freundliche Leute, denen die Hektik der Bewohner anderer Städte abgeht und die noch Zeit für ein nettes Gespräch aufzubringen vermögen», heisst es gleich zu Beginn im Editorial, in dem Aarau als Kantonshauptstadt, Regionalzentrum und Mittelland-Stadt apostrophiert wird. Als ein Ort, «der viel von gestern träumt, aber auch an morgen denkt».

1985 wächst die Zahl der bunten Bilder im neuen Stadtprospekt, von einer entscheidenden Veränderung der von innen und aussen wahrgenommenen Identität der Aarauer ist aber kaum etwas zu spüren. Im Text von Aaron S.Geissmann, Adjunkt der Stadtverwaltung, ist immerhin erstmals die Rede von einer «wohnlichen Kleinstadt». Und die Art der Aarauer wird diesmal mit «herzlicher Zurückhaltung» gewohnt wohlwollend umschrieben. Natürlich geht es auch jetzt noch nicht ohne den «Blick auf 700 Jahre Stadtgeschichte» und die ausführlich dokumentierte Giebellandschaft in der Altstadt. Unter Kultur subsumiert werden nun aber das Theater Tuchlaube, das Kunsthaus oder das Aargauer Naturmuseum (heute Natu-
rama). Stolz gezeigt wird die 1981 erbaute Tribüne im Fussballstadion Brügglifeld, als Attraktion taucht erstmals der Aarauer Rüeblimärt in Bild und Wort auf.

Ein Hauch von Vision

Ende des Jahrtausends stellte sich Textautor Balz Bruder jeweils pro Kapitel eine Frage: «Warum Aarau?» oder schlicht «Wohin?». Damit wird zum ersten Mal ein Hauch von Vision sichtbar. Die Losung müsse «Aarau – Stadt mit Tradition und Zukunft» heissen. Aarau solle als «pulsierende und wohnliche, wirtschaftsfreundliche und umweltbewusste, weltoffene und traditionsbewusste Kleinstadt mit grossstädtischem Anspruch» erlebbar sein.

Bereits vier Jahre später (2003) übernimmt der Stadtprospekt die mittlerweile flächendeckende Verwaltungs-Maxime «Aarau: Mitten drin», nämlich im Mittelland und im Aargau. Auf dem Titelblatt prangt die moderne Überbauung Behmen über den SBB-Gleisen, die einem Ozeanriesen nachempfunden ist. Die Stadt, so der Text, sei «eine Kapitale mit Adlerauge» und deshalb mit dem «Blick für das Wesentliche». Hier tagten Parlament und Regierungsrat, Aarau verfüge über eine «Riviera ohne Strand», über ein «Roggenhausen ohne Weizen» und – bereits Erinnerung – über «einen Affenkasten ohne Schimpansen». Tröstlich: Auch das unsägliche «Mitten drin» ist aus dem jüngsten Stadtprospekt wieder verschwunden.