Kaisten
Von der Sagenfigur zum Fasnachtsgeist

Der böse Geist eines ehemaligen Landvogtes darf seit rund drei Jahrzehnten jeweils zur Fasnachtszeit sein närrisches Unwesen im Dorf Kaisten treiben.

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Chaischter Haldejoggeli

Chaischter Haldejoggeli

Aargauer Zeitung

Susanne Hörth

Eine kurze, auf mündlicher Überlieferung basierende Erzählung von aussergewöhnlichen, oft schwer glaubhaften Ereignissen, so lautet die kurze Definition einer Sage. Nicht selten ist eine solche auf tatsächlichen Begebenheiten aufgebaut. Wahrhaft sagenhaft ist das Fricktal. Es gibt kaum eine Gemeinde, in welcher nicht durch das Ineinandergreifen von wahren Begebenheiten und den subjektiven Wahrnehmungen der jeweiligen Erzähler übernatürliche Geschichten, eben Sagen, entstehen.

Eine sagenumwobene Figur ist der Kinzhaldenjoggeli. In zahlreichen (Sagen-)Büchern wird dem Haldejoggeli immer wieder der gebührende Platz eingeräumt. So unter anderem auch in «Tannenhupper und Leelifotzel - Sagen der Nachbarn am Hochrhein». Dieses Werk wurde 2008 von der Fricktalisch-Badischen Vereinigung für Heimatkunde herausgegeben. Dem «Haldejoggeli» sogar ein ganzes Buch gewidmet hat Richard Rebmann.

Die Sage des Haldejoggelis

In den Gemeinden Kaisten, Sisseln und Eiken ranken sich die unglaublichsten Geschichten um den Kinzhaldenjoggeli. Der von Rochholz 1856 aufgeschriebenen und von Arnold Fricker 1935 teilweise abgeänderten und ergänzten Sage nach geht es bei dieser Figur um einen reichen Bauern aus Kaisten namens Winter. Er war als österreichischer Untervogt für Eiken eingesetzt. Seine Macht als Vorsteher und Vertreter der Gemeinde nutzte er aufs Schlimmste aus. So soll er sich unter anderem durch böse Machenschaften die Ländereien seiner Untergebenen angeeignet haben. Als leidenschaftlicher Jäger ging der tyrannische Vogt eines Tages auf die Jagd nach einem dreibeinigen Hasen. Die Kugel schlug aber zurück und traf den Schützen. Erst nach Tagen fand man den brandschwarz gefärbten Leichnam des bösen Vogtes.

Er wurde in einen Sarg gelegt und sollte beerdigt werden. Je näher der Sarg Richtung Grab getragen wurde, desto leichter wurde er. Auf Geheiss des Pfarrers wurde der Sarg geöffnet. Er war leer. Fortan versetzte der Geist die Menschen in der Region in Angst und Schrecken. Mit der Hilfe von Mönchen aus dem Kapuzinerkloster in Laufenburg konnte der böse Geist nach einem langen Kampf in eine Branntweinflasche gebannt werden. Doch kurz bevor die Flasche in der Kinzhalde versenkt werden konnte, entkam der «Gefangene». Erst nachdem ihm das Zugeständnis gemacht wurde, dass er sich alle Jahre dem Dorf wieder um einen Hahnenschritt nähern dürfe, liess sich der Vogtgeist wieder in die Flasche bannen. Danach wurde er in der Teufelsküche im Hardwald versenkt. Laut Sage wird das gemachte Zugeständnis irgendwann dazu führen, dass der Geist das Dorf erreicht und die Bevölkerung dann keine Ruhe mehr von ihm haben wird.

Fasnacht am Zuge

Kaisten hatte sich im Laufe der Jahrzehnte aus einem einstigen Bauerndorf zu einer schnell wachsenden Gemeinde mit grossem Industriegebiet entwickelt. Mit der Veränderung gingen verschiedene alte Brauchtümer etwas verloren. So auch die Fasnacht. Vor etwas mehr als 30 Jahren wollte man diesem Umstand entgegenwirken und der Fasnacht und damit der närrischen fünften Jahreszeit wieder neues Leben einhauchen. Diese Fasnacht brauchte aber ein eigenes Gesicht, vielmehr einen eigenen Geist. Und hier kam die Sage des Haldejoggelis zu einer neuen, bis heute gültigen Fortsetzung.

Der Pakt mit dem Haldejoggeli

1979 wurde die Fasnachtsgesellschaft Chaischter Haldejoggeli gegründet. Im Rahmen der Gründungszeremonie schworen die Gründungsmitglieder den Geist des Haldejoggelis herbei. Man wollte mit ihm einen Pakt abschliessen. Anstatt sich laut der Sage jedes Jahr einen Hahnenschritt mehr dem Dorf zu nähern, soll der Joggeligeist an jeder Fasnacht aus seinem Flaschenverlies befreit werden. Danach darf er 20 närrische Tage lang sein Unwesen im Dorf treiben, bevor er in der Nacht auf Aschermittwoch wieder mit einer Beschwörungsformel in sein Flaschengefängnis zurückverbannt wird. Längst ist der Haldejoggeli nun nicht mehr ein böser Sagengeist, der die Menschen zu nächtlicher Stunde in Angst und Schrecken versetzt. Er ist zur närrisch-fröhlichen Figur der Kaister Fasnacht geworden. Mit den schönen Holzmasken ist dieser Figur während der fünften Jahreszeit sogar ein eigenes und gar nicht so «gfürchiges» Gesicht verpasst worden.

Bereits seit dem 1. Faissen, 28. Januar, gehen in Kaisten alle Sünden auf das Konto des Haldejoggeligeistes. Die Tage der närrischen Freiheit sind bereits gezählt. Einen eigentlichen Höhepunkt erlebt die Fasnacht aber noch am kommenden Sonntag mit dem grossen Umzug durchs Dorf. In der Nacht auf Aschermittwoch wird der Fasnachtsgeist im Rahmen einer schaurig-schönen Zeremonie in seine Mostflasche zurückverbannt. Die letzten Worte, die er in dieser Fasnacht zu hören bekommt, sind: «Du wirsch jetzt uf dem Leiterchare id Tüfelschuchi abe gfahre. Dört chasch s ganz Johr drüber brüete, wie s nächscht Johr wieder wit cho wüete.»

Die Gefahr, dass sich der Haldejoggeli jedes Jahr einen Hahnenschritt mehr dem Dorf nähern wird und irgendwann die Macht über dieses übernimmt, ist auf jeden Fall durch den Fasnachtspakt gebannt.