Sidonia Küpfer

«Das Schreiben ist bei mir im Grunde eine Alterserscheinung», sagt Joe Amberg. Mit zunehmendem Alter sei bei ihm der Wunsch immer stärker geworden, sichtbare Spuren zu hinterlassen und die Erlebnisse seines Lebens für seine Enkelinnen festzuhalten.

Kurzerhand belegte Joe Amberg einen Kurs in autobiografischem Schreiben. Bis zu diesem Zeitpunkt war Schreiben für den Zahlenmenschen Amberg nicht mehr als eine berufliche Notwendigkeit gewesen: Als selbstständiger Buchprüfer war ihm wichtig, die Revisionsberichte möglichst verständlich zu schreiben. An literarisches Schreiben hatte er jedoch nie gedacht.

Eine «Perlenkette von Abenteuern»

Nach dem Kurs legte Amberg los mit dem Ziel, seine Memoiren vom Tag eins bis dato niederzuschreiben. «Dabei geriet ich aber auf Abwege», blickt er schmunzelnd zurück. Statt seiner Lebensgeschichte fand eine Reihe von Abenteuergeschichten rund um Ambergs Hobbys den Weg aufs Papier: «Abenteuer zur See, auf dem Lande und in der Luft» heisst sein erstes Buch, das er mit 78 Jahren selbst verlegte und bebilderte. Denn das Schreiben ist wohl sein jüngstes, aber nicht sein einziges Hobby, wie den Fotografien und Aquarellen im Buch zu entnehmen ist.

Sein Buch sei eine «Perlenkette von Abenteuern», die er im Zusammenhang mit seinen Hobbys erlebte, so Joe Amberg. Seine Faszination für die Fliegerei führte zum Beispiel dazu, dass er sich nicht mehr mit dem Bauen von Modellflugzeugen begnügte, sondern selbst Pilot werden wollte. Mitte der Vierzigerjahre nahm er an zwei Kursen des militärischen Vorunterrichtes teil; das war damals die günstigste Art, Segelfliegen zu lernen. Mit der Fliegerei war es aber abrupt zu Ende, als er 1947 mit seinem Segelflugzeug am Altberg bei Dällikon abstürzte. «Die damaligen Flugzeuge flogen viel langsamer», erklärt er die aus heutiger Sicht fast unglaubliche Tatsache, dass er nach der Bruchlandung das Flugzeug unverletzt habe verlassen können. Fortan habe er lange Zeit einen grossen Bogen um Flugplätze gemacht. Später führte er gerne seine fliegerische Laufbahn als interessierter Passagier im Doppelsitzer weiter.

Auch wenn Joe Amberg in seinen Büchern von seinen eigenen Erlebnissen erzählt, so motivierte ihn seine Ehefrau Alice immer wieder auf ihre pragmatische Art: «Memoiren schreiben? Das hätte mir nie passieren können», habe sie etwa sein Buchvorhaben lachend quittiert. Das Paar ist seit 51 Jahren verheiratet und wohnt seit 1961 in Birmensdorf. Das eigene Heim wurde ihnen mit den Jahren zu gross und so wohnen die beiden seit fast 20 Jahren im angebauten «Stöckli». Im Haupthaus wohnt heute eine von drei Töchtern der Ambergs mit ihrer Familie, und die Enkelkinder halten die Grosseltern auf Trab.

Joe Amberg arbeitete bis zu seiner Pensionierung im Alter von 70 als Buchprüfer. Zuerst als Angestellter, später im eigenen Geschäft. Eine Arbeit, die ihn auf viele Reisen führte, vor allem nach Nordamerika und Australien. So erzählt er im zweiten Buch von seiner Fahrt nach New York, die er 1955 auf einem Frachtschiff erlebte: Das Schiff beförderte neben der Fracht 150 Passagiere in der «One Class», erinnert er sich.

Ein Doppelleben in New York

Joe Amberg arbeitete in den fünfziger Jahren eineinhalb Jahre als Buchprüfer in New York. «Dort führte ich ein richtiges Doppelleben», erzählte er. Ausserhalb New Yorks lebte er auf Spesenkonto wie ein König in guten Hotels, in New York dagegen lebte er auf eigene Rechnung ganz bescheiden im YMCA (Young Men's Christian Association). Dort gelangte er im Gespräch mit einer Gruppe von Fotografen zur Erkenntnis, dass man immer zwei Hobbys haben sollte, zwischen denen man abwechseln kann. Denn jene Fotografen waren furchtbare Langweiler; ausser über Verschlusszeiten und Blendenöffnungen konnte man über nichts mit ihnen sprechen.

Eine eigene Akkordeon-CD

Den Übergang vom Berufstätigen zum Rentner konnte Joe Amberg weitgehend selbst bestimmen. So reduzierte er sein Pensum schrittweise. Seit seiner Pensionierung haben Ambergs Hobbys eine neue Bedeutung bekommen: «Ich bin unheilbar fleissig geboren», erklärt er. Dies sei die Grundlage für viele seiner Betätigungen. So packte er mit 70 sein Akkordeon wieder aus und nahm Unterricht. Seinen Entschluss, eine CD aufzunehmen, quittierte seine Lehrerin mit dem Hinweis, dass für seine Künste eine Kassette bei weitem reiche, erzählt er und zeigt, dass er gut über sich selbst lachen kann. Wer heute sein erstes Buch erwirbt, erhält als Zusatz die CD «Best of Joe's Örgeli», die er mit einem Spiezer Vollblutmusiker und Computertüftler aufgenommen habe.

Eine weitere Leidenschaft fand Joe Amberg im Aquarellmalen. Die «eingeschworene Malgruppe», die sich seit ihren ersten Ausflügen nach Santorini gebildet habe, ersetze mittlerweile viele Beziehungen, die sich früher aufgrund seiner Arbeit entwickelt hätten.

Kann der so vielseitig engagierte Birmensdorfer es überhaupt gemütlich angehen lassen? «In den Ferien mit der Familie war das wunderbar. Aber im Liegestuhl wird man mich auch heute nie antreffen», gibt Amberg zu. Und so steht bereits sein nächstes Projekt fest: Ein Baukasten für einen eleganten Elektro-Segler ist bereits unterwegs. Langweilig wird es Joe Amberg nie.