Heidi Schwarz

Mit «Meine frühesten Erlebnisse» begann alles. Im Frühling luden Lorenz Degen und Elisabeth Müller mit einem Inserat die Bevölkerung zum Mitlesen aus Carl Spittelers autobiografischen Schriften ein. Das Echo war gewaltig. 22 Frauen und Männer setzten sich in der Waldenburger Pfarrscheune an den grossen Tisch und hörten sich Spittelers Texten an, oder lasen sie selbst vor.

Ein halbes Jahr später liest die Spitteler-Lesegruppe Waldenburg jeden Mittwoch immer noch. Derzeit ist «Conrad der Leutnant» dran. Durchschnittlich setzen sich 15 Leute an den Tisch. «Es waren aber auch schon 25 Lesende», erinnert sich die 77-jährige Elisabeth Müller. Doch nicht die Teilnehmerzahl ist wichtig, sondern die Tatsache, dass wieder nach Spitteler Werke gegriffen wird. Das ist nicht so einfach, weil seine Bücher nahezu vergriffen und darum nur in der Bibliothek auszuleihen oder in Elisabeth Müllers Bücherregal zu finden sind.

Keine Absicht beim Datum

Nun wollten sich Müller und Degen nicht bloss darauf beschränken, die Werke vorzulesen. Das erwähnte Inserat rief die Lesegruppe ins Leben. «Es ist für uns wichtig, dass man etwas für Spitteler macht», begründet Müller ihr Mittun. «Wir wollen den Baselbieter Literaten von der Plakatwand, wo er für das Kantonsjubiläum Werbung machte, in den Lesesessel bringen», ergänzt der 24-jährige Lorenz Degen. Für die beiden war das Projekt «eine Fahrt ins Blaue». Dass sie ihre Idee just 90 Jahre später hatten, als Spitteler den Nobelpreis verliehen bekam, war Zufall. «Das Datum war uns gar nicht bewusst», meint Degen.

Die Lesegruppe geht auf Spurensuche, um Carl Friedrich Georg Spitteler, der auch unter dem Pseudonym Carl Felix Tandem publizierte, näher zu kommen. Auf Flipcharts werden Personen und Handlungen aus den Büchern in Zusammenhang gebracht. Unlängst führte die Spurensuche zu Dominik Riedo nach Luzern. Der einstige von Kulturleuten gewählte Kulturminister Schweiz hat in der Reihe «Unser Schweizer Standpunkt» ein Lesebuch mit Texten von Carl Spitteler veröffentlicht. Darunter den Roman «Imago» sowie Erzählungen, Autobiografisches und Gedichte. «Riedo ist hautnah dran am Baselbieter Dichter», empfehlen Müller und Degen Riedos Spitteler-Publikation.

Zum besseren Verständnis

Dieses Lesebuch ist auch deshalb wichtig, weil sie der Lesegruppe Schrittmacherdienste leistet und zum besseren Verständnis beiträgt. «Spitteler war ein Weltmensch, zu Hause in St. Petersburg, Basel, Bern, Liestal, Luzern, Zürich, nur nicht in Bennwil», zählt Lorenz Degen Spittelers Lebensmittelpunkte auf. Der Nobelpreisträger ist zwar Bürger von Bennwil, gelebt hat er in seiner Heimatgemeinde aber nie. Einzig im hohen Alter hat er «Bämbel» zwei- oder dreimal besucht. Etwa im Sommer 1920, wo er im Gemeindearchiv Akten einsah und den Gemeinderat zu einem Mittagessen im «Ochsen» einlud. Anschliessend wurde er vom damaligen Gemeindepräsidenten Jeremias Heinimann» nach Hölstein zur WB-Station kutschiert.

Der nächste Fixpunkt für die Spitteler-Freunde ist der 29. Dezember. Dann jährt sich Spittelers Todestag zum 85. Mal. Für diesen Tag plant die Gruppe etwas Besonderes. Vielleicht setzen sich dann auch Dominik Riedo und Markus Ramseier, Leiter des Dichter- und Stadtmuseum Liestal, in der Pfarrscheune zum Mitlesen an den grossen Tisch.