Naturschutz
Vom Naturschutz verfemt

An der «Falschen Akazie» entzündet sich eine ökologische Grundsatzdiskussion: Was darf als «heimisch» gelten? Nur was seit tausend Jahren hier wächst – oder das, was sich hier nach der Klimaerwärmung in naher Zukunft wird halten können?

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Robinie

Robinie

bz Basellandschaftliche Zeitung

Daniel Haller

«Ein Forstingenieur sagte mir mal, die Robinie sei ein Unkraut», berichtet Max Ruder aus Augst. «So ein ‹Chabis›! Das ist bestes Wagnerholz.» Und dann erzählt der 84-jährige ehemalige Wagner, was er aus Robinie, oft auch als Akazie bezeichnet, alles gefertigt hat: Achsenstand, Deichselarme, Rankscheit, Griessbrett, hinteres Gestöss - alles einheimische, traditionelle Begriffe.

Eurozentrisches Weltbild

«Wie definiert man einheimisch?», fragt sich Kantonsforstingenieur Ueli Meier. So könne man genetisch belegen, dass die Eiche vor rund 5000 Jahren aus Süditalien eingewandert sei. Die Robinie dagegen gibt es in der jüngeren Geschichte in Europa erst seit 400 Jahren. Man gehe in dieser Diskussion immer vom Zeitpunkt der ersten Belege in der Geschichtsschreibung aus, die vor 2000 Jahren begann, erklärt Meier. Somit basiere das Urteil auf einem eurozentrischen Menschenbild: «Was von hier stammt, ist gut. Und was von anderswo kommt, ist importiert und fragwürdig.» Es sei aber gut möglich, dass es hier vor 20 000 Jahren Baumarten wie die Robinie gab, die dann wegen der Eiszeiten ausgestorben sind. In Nordamerika wurde sie von den Gletschern einfach nach Süden gedrängt und konnten sich später wieder nach Norden ausbreiten. In Europa bestehen mit dem Mittelmeer und den Alpen Barrieren in Ost-West-Richtung, so dass die in den Eiszeiten untergegangenen Baumarten (noch) nicht zurückwandern konnten. «Deshalb bitte ich darum, dass man etwas grosszügiger beurteilt, was ‹von Natur aus› hierher gehört, und was nicht.» (dh)

«Invasiver Neophyt» ist hingegen das Fremdwort, mit dem Naturschützer den Baum bedenken: Die Robinie steht auf der schwarzen Liste der sich aggressiv vermehrenden Fremdlinge, die einheimische Wildpflanzen verdrängen. Sie ist auch auf der Liste der Baumarten, die im Wald nicht künstlich gepflanzt werden dürfen.

Genau das, was man der Robinie vorwirft, waren die Gründe, weswegen sie angepflanzt wurde, nach dem sie im frühen 17. Jahrhundert aus Nordamerika importiert worden war: Als Leguminose - und somit Verwandte der Bohne - nimmt sie Luftstickstoff auf und reichert diesen im Boden an. Das verbessert den Boden so, dass auf magere Böden spezialisierte Pflanzen bald von nährstoffliebenden verdrängt werden.

Die ausgiebige Robinien-Blüte ergibt den geschätzten Akazienhonig, aber auch Samen, die noch nach Jahren keimen. Und weil die Robinie genügsam auch an trockenen Standorten gedeiht, hat man sie unter anderem zur Stabilisierung von Bahndämmen gepflanzt. Dabei spielt das ausgedehnte Wurzelwerk eine Rolle: Fällt man eine Robinie, schlägt sie im Umkreis von 15 Metern aus den Wurzeln neu aus.

Diese «Wurzelbrut» fürchtet man im Umfeld von Naturwiesen: Je mehr man die Akazie schneidet, desto stärker schlagen die unterirdischen Wurzeln aus. Die Zürcher Fachstelle für Naturschutz empfiehlt deswegen, die Rinde ringförmig zu zerstören, damit der Baum im Stehen stirbt. Selbst der Einsatz von Herbiziden wird in Betracht gezogen.

Dauerhaftestes Holz

Max Ruder hingegen ist überzeugt: «Ich kann nicht verstehen, dass man Gartenmöbel aus Tropenholz macht, wenn man hier wachsende Akazie hätte, die mindestens ebenso gut wäre.» Dem schliesst sich Ueli Meier, Leiter des Amts für Wald, an: «Es gibt fast kein dauerhafteres Holz und vermutlich keinen Baum, der sich so gut an die veränderten Klimaanforderungen anpassen wird wie die Robinie.»

Aber waldbaulich lägen bisher keine Erfahrung vor. «Eigentlich müsste man sie dort, wo sie spontan und sehr konkurrenzkräftig kommt, waldbaulich behandeln mit dem Ziel, möglichst gerade, gesunde Akazienstämme zu produzieren.»

Unterschätzte Bäume

Buche, Tanne oder Fichte kennt wohl jeder. Die Artenvielfalt im Wald ist aber grösser. Viele heute seltene Baumarten waren früher sehr gefragt, haben aber in der Industriegesellschaft an Bedeutung verloren. Im Rahmen der Energiediskussion könnte sich dies wieder ändern. Die bz stellt in loser Folge einige dieser Bäume vor. (dh)

Ökologisch integriert

Dagegen spreche nichts ausser der Behauptung, dass die Robinie nicht in unser ökologisches System hinein passe. Sie sei aber für keine Insekten giftig oder täusche sie nicht, irrtümlich ihre Eier im Baum abzulegen, wo die Brut dann mangels Nahrung zu Grunde ginge, wie es bei einzelnen Pappeln vorkommt. Und Michael Zemp, Leiter der Fachstelle für Natur und Landschaft Basel-Stadt, weist darauf hin, dass Fledermäuse die Risse in der groben Borke alter Robinien schätzen.

Meiers Fazit: «Wenn unsere Verantwortung als Amt darin besteht, auch in Zukunft Wald zu haben, dann wäre die Robinie gleich wie die Douglasie eine Baumart, die man zwar nicht flächendeckend will, die man aber in sinnvollen Beständen als Teil unserer einheimischen Hölzer betrachten müsste, weil sie zukunftsträchtig sind.»

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