Sandro
Vom Jugendknast ins Glück zu zweit

Vor zwei Jahren, als die MZ Sandro (20) im Jugendheim Aarburg besuchte, sah es düster aus für den straffällig gewordenen jungen Mann. Nun hängen Blumenkistchen am Balkon seiner Wohnung.

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Aargauer Zeitung

Sabine Kuster

«Ich weiss schon was», hatte Sandro vor zwei Jahren geantwortet auf die Frage, was sein grösstes Ziel sei, «ich will eine Wohnung, eine Frau und einen Job.» Damals sass Sandro oben im Jugendheim Aarburg. Vor seinem Fenster fiel der Fels steil ab, in den Ausgang durfte er zweimal pro Woche. Sandro war damals seit einem Jahr in einer so genannten Massnahme, von der Jugendanwaltschaft verordnet. Er hatte mit 16 Jahren 15 Einbrüche verübt und gestohlen. «Ich will die Regeln nicht einhalten», hatte Sandro gesagt, «aber ich muss.» Und dennoch hatte er prophezeit: «Wenn ich mal draussen bin, schaffe ich es locker, dass ich nicht mehr ins Gefängnis muss.»

Zwei Jahre sind vergangen. Sandro ist «draussen». Zwar ist er immer noch in der Massnahme und macht in der Werkstatt unterhalb der Aarburg eine Schreinerlehre, aber am 1. April bezog er mit seiner Freundin Daniela in einem Block in Aarburg eine Wohnung.

Es ist dieselbe Freundin, mit der er beim ersten Gespräch frisch zusammen war. Für Sandro ist sie von Zürich nach Aarburg gezogen. Sie arbeitet in Aarau als ausgebildete Fachangestellte Gesundheit. In den letzten zwei Jahren hat sie Sandro oft in der Aarburg besucht. Sie sagt: «Andere hättens nicht gemacht, aber ich gebe halt nicht so schnell auf.»

Die beiden sitzen im Wohnzimmer und erzählen. Ihr neues Zuhause haben sie liebevoll eingerichtet. Am Balkongeländer hängen bunt bemalte Blumenkistchen mit Röslein drin. Im Wohnzimmer leben zwei Ratten in einem mehrstöckigen Käfig; ein wahres Ratten-Paradies.

«Wenn die Frau dabei ist, passiert kein Scheiss», sagt Sandro, «das sieht man bei vielen Exemplaren.» Er sagt es als Erklärung, warum er es raus aus dem Jugendheim geschafft hat, Schritt für Schritt. Zuerst in die Wohngruppe Ravelin, die gleich an die Burg angebaut ist, dann in die Aussenwohngruppe unten im Städtchen.

Nur einmal, da war Daniela für einige Wochen in England, gabs ein Problem. Er war kaum einen Tag in der Wohngruppe Ravelin gewesen, als er beim Kiffen erwischt wurde. Er musste von der Wohngruppe wieder zurück auf die Aarburg - eine zusätzliche Warteschlaufe von sechs Wochen. Doch seither stand er morgens pünktlich auf und schaute, dass seine Urinproben kein oder fast kein THC vom Kiffen enthielten. «Irgendwann ist man halt so weit und zieht es durch, damit man nachher raus ist», sagt er, der einst hoffte, die Jugendanwaltschaft würde ihn als «hoffnungslos» abstempeln und endlich in Ruhe lassen.

Das Kiffen hat er nicht aufgegeben. «Ich werde dann einfach lockerer. Das macht niemandem was und ich übertreibe nicht», sagt er. Will heissen: Er kifft nicht regelmässig, nimmt keine anderen Drogen, trinkt kaum Alkohol. Nur, ohne ein Päckchen Zigaretten pro Tag gehts nicht.

Daniela hingegen trinkt und kifft gar nicht und raucht weniger. Plötzlich entsteht eine Diskussion darüber, was denn schädlicher sei; Tabak oder Hasch. «Zigaretten sind genauso schlimm», findet Sandro. «Zigis verändern meine Psyche nicht», argumentiert Daniela. Sie wirkt immer wieder fast scheu, widerspricht ihm aber trotzdem. Er spricht mit Vehemenz. Man spürt Wut, wenn er sich verteidigt. Dann sagt er, er finde die Aarburg noch immer nicht gut, weil da vierzig Jungs mit den gleichen Problemen zusammen wohnten. Er habe gelernt, stinkfrech zu lügen.

Vor einem Jahr hätte Sandro seine Lehre fast abgebrochen und bloss eine Attestlehre gemacht. Jetzt ist er im zweiten Lehrjahr, zwei Jahre hat er noch. «Dass ichs jetzt fast geschafft habe, eine Wohnung habe, meine Freundin, die Schreinerlehre, das ist schon cool», sagt Sandro.

«Ich habe ihn überredet, weiterzumachen, wenn er alles hinschmeissen wollte», sagt Daniela, denn sie habe keine Lust gehabt, ihn danach in der Arbeitserziehungsanstalt zu besuchen.

Heute stehen selbst gefertigte Möbel in der Wohnung. Sandro erklärt, wie er die Schubladen der Kommode gebeizt hat und wie man ein Furniermuster legt. Eine Seite einer Tischplatte gelang nicht so, wie er wollte. Die andere Fläche gefällt ihm. «Ich glaube», sagt er, «die Sozis, also die Betreuer, sind zufrieden mit mir.»

Mit den Hausaufgaben und der Schule kämpft er noch. «Die Hausaufgaben sind Terror, ich bin kein Schul-Typ. Warum muss ich die Drehzahl einer Maschine berechnen können? In der Werkstatt drücke ich dafür einfach einen Knopf.» «Er ist der Faulere von uns beiden», sagt Daniela, «dabei könnte er sogar die BMS machen.» «Du überschätzt mich», sagt Sandro.

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