Vom Armenhaus zum Pendlerparadies

Während Jahrhunderten galt das Schwarzenburgerland als Armenhaus des Kantons. Eine erste Wende brachte die Erschliessung mit Brücken und Bahn. Selbstbewusst will das Land heute die Grenzen in den Köpfen neu definieren.

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Solothurner Zeitung

Anne-Sophie Scholl

Lange galt das Schwarzenburgerland als Armenhaus des Kantons. Hinter den tiefen Gräben von Schwarzwasser und Sense gelegen, war das Land Rückzugsgebiet für politisch und gesellschaftlich Geächtete. Die zerfurchte Landschaft erlaubt keine grossräumige Landwirtschaft. Was das Land hergab, wurde zudem während Jahrhunderten abgeschöpft: Von 1423 bis 1803 stand das Schwarzenburgerland unter der Doppelherrschaft von Bern und Fribourg, die im Turnus die Vögte stellten und jeweils das Beste aus dem Land für sich schröpften.

SERIE

Schwarzenburgerland und Saanenland

Das Schwarzenburgerland und das Saanenalnd gehören zu den abgelegenen Gebieten im Kanton Bern. Beide Regionen stellen wir in einer Sommerserie abwechselnd vor: Heute: Was das Schwarzenburgerland politisch prägt.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts ging Schwarzenburg im Tausch gegen Murten an Bern. Besser erschlossen wurde das Land mit der neuen Infrastruktur: mit dem Bau der Bahnlinie nach Schwarzenburg 1907 und mit besseren Strassen und Brücken über die hohen Schluchten.

Im Schnitt tiefe Einkommen

Noch heute ist das Land finanzschwach: Gemäss einem dieses Jahr erstellten Vergleich zwischen den Gemeinden im Kanton Bern sei das Volkseinkommen im Schwarzenburgerland noch immer tiefer als der Durchschnitt, sagt Ruedi Flückiger (SP), Gemeindepräsident von Wahlern, der grössten Gemeinde im Schwarzenburgerland.

Die Gründe dafür ortet er in der kleinräumigen Landwirtschaft besonders im hinteren Schwarzenburgerland oder auch bei den KMU, die vor allem lokal tätig sind. Aber auch in der Einstellung vieler Leute in der Region sieht Ruedi Flückiger Gründe für die Finanzschwäche.

«Jahrelang hat man eine Innensicht gepflegt, sich selbst als Randregion wahrgenommen und auf die Unterstützung durch Investitionsmitteldarlehen und Berghilfen gezählt.» Heute finde ein Umdenken satt. In der Mentalität der Leute, aber auch in der politischen Zusammenarbeit richte sich das Schwarzenburgerland vermehrt auf die Grossregion Bern aus. Eine neue Offenheit propagierte Ruedi Flückiger auch in seinem Wahlkampf. Mit Erfolg: Im vergangenen Herbst wurde er zum ersten SP-Gemeindepräsidenten von Wahlern gewählt.

Stabile Bevölkerungszahl

Die Gemeinde Wahlern mit dem Hauptort Schwarzenburg ist Zentrum des Schwarzenburgerlandes. Rund 6200 Einwohner leben in der Gemeinde, anders als in abgelegeneren Gebieten der Region bleibt die Bevölkerungszahl stabil. Wahlern bietet rund 2900 Arbeitsplätze, etwa 9 Prozent davon in der Landwirtschaft. Wichtige Arbeitgeber sind die Firma Gilgen (Kaba) oder Narida (Haco) sowie verschiedene kleinere Betriebe und das Pflegezentrum Bernaville. 40 Prozent der Bevölkerung pendeln nach Bern. 2008 wurde der Gemeinderat auf 7 Sitze verkleinert. Je drei Mandate fallen auf die SVP und auf das Bündnis SP/WLM Wahlern links der Mitte, ein Mandat auf die FDP. 2010 entscheidet die Gemeinde über eine Fusion mit der Nachbarsgemeinde Albligen. Gelingt der Zusammenschluss, steht eine Neubenennung der fusionierten Gemeinden unter dem Namen Schwarzenburg zur Diskussion. (ass)

Zwischen Stadt und Land

Familienfreundliches Wohnen und Erholung für Tagesausflügler nennt Ruedi Flückiger, der selbst vor gut 20 Jahren zugezogen ist und in Bern arbeitet, als Eckpfeiler der Neupositionierung von Schwarzenburg und der Region. Schwarzenburg liegt in Pendlerdistanz zu Bern, im Halbstundentakt fährt die S-Bahn, der Hauptort des Schwarzenburgerlandes verfügt über ein gut ausgebautes Schulsystem und liegt inmitten einer wunderbar intakten Landschaft.

In dem gemeinsamen Auftritt mit den umliegenden Gemeinden als Gantrisch-Region sieht Flückiger Potenzial für den Tagestourismus aus Bern, aber auch aus Fribourg oder gar Thun. Ruedi Flückiger ist im Förderverein des entstehenden Naturparks Gantrisch engagiert und setzt sich als Leiter der Arbeitsgruppe Mobilität für die weitere Vernetzung des öffentlichen Verkehrs ein.

Auf Stärken bauen

Die Gemeinde selbst ist Mitglied im Regionalverbund Region Bern. Als zwölftgrösste der 100 beteiligten Gemeinden kann Wahlern in dem Verbund politisch und planerisch Weichen stellen - zum Beispiel mit Blick auf die Entwicklung der Infrastruktur.

Neben der Öffnung gegen aussen ist für Ruedi Flückiger aber auch der innere Zusammenhalt in der Gemeinde und in der Region wichtig. Seit diesem Frühjahr hat Schwarzenburg einen neuen Webauftritt, und ein Ortsblatt informiert die Leute in der Gemeinde. Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung sind essenziell, wenn wenig finanzielle Mittel vorhanden sind, unterstreicht der Gemeindepräsident.

Identifikation

Wie sich die Schwarzenburger zu formieren wissen, zeigt beispielsweise die breit abgestützte Interessensgemeinschaft von privaten Investoren, lokalen Kulturvereinen und Behörden, die gemeinsam beim Kanton eine Kaufofferte eingereicht haben um ihr Schloss der Öffentlichkeit zu erhalten. Als weiteres Beispiel erwähnt Ruedi Flückiger das Engagement für den diesjährigen Auftritt der Region Gantrisch an der Bea: Gerne einmal hilft ein Handwerker beim Aufbau der Stände mit, ohne alle Stunden zu verrechnen - aus Überzeugung.

«Die Identifikation der Leute mit der Region ist genauso wichtig wie der starke Auftritt gegen aussen», sagt Ruedi Flückiger. Bis anhin erlebt er grosse Unterstützung: «Die Leute im Schwarzenburgerland sind motiviert», schliesst er, «sie wollen etwas Neues.»