Hellmuth Karasek sitzt entspannt in einem Ohrensessel vor einer Bücherwand. Eigentlich sei es ein Skandal, sagt der Literaturkritiker, dass das mutmasslich meistverbreitete Buch der Welt bisher nie rezensiert worden sei. «Die kleinen Freuden des Alltags» laute der Titel des besprochenen Werkes: der Ikea-Katalog.

Literaturkritiker Karasek, der jahrelang neben Marcel Reich-Ranicki in der früheren ZDF-Sendung «Das Literarische Quartett» sass, verdingt sich neuerdings als Werbeträger für Ikea – und spart nicht mit Kritik an dessen "Roman".

Seine Rezension des Ikea-Katalogs ist sowohl eine Persiflage auf sich selbst, auf Rezensionen als auch auf das beworbene Produkt. Damit erinnert Karasek stark an den 2011 verstorbenen deutschen Künstler Loriot. Dieser persiflierte einst in seinem legendären Sketch «Schöngeistige Literatur» die Literaturkritik und rezensierte das Kursbuch der Deutschen Bahn.

Ikea-Katalog fehlt alles zum schöngeistigen Roman

«Man könnte dem Ikea-Buch vorwerfen, dass es mehr Bilder als Personen hat», sagt Hellmuth Karasek, während er orientierungslos auf der Suche nach einem Beispiel blättert. «Wo ist denn das Wohnzimmer, verdammt nochmal?» Regelrecht vollgemüllt mit Gegenständen sei das Buch. Die Personen in diesem «möblierten Roman» müssten sich zwischen Einrichtungsgegenstände drängen, «sie kommen selten zu Wort, sie reden kaum zusammenhängend, trotzdem hat das Buch einen solchen Erfolg».

Karasek gesteht, dass er Bücher nicht liebe, «die sich altmodisch, aufdringlich mit einem Du an den Leser wenden», um ihm dann auch noch zu sagen, wie er zu schlafen habe: «Gähn, raus aus den Federn, ein Nest aus sanften Textilien. Der Tag startet mit einem Guten-Morgen-Kuss der Sonne», zitiert der Kritiker aus dem Buch. Sein Urteil: zu idyllisch. «Wir blinzeln mit den Augen», liest er weiter und fragt: «Mit was auch sonst?» 

Das Fazit des 81-jährigen Literaturkritikers: «Was fehlte dem Buch, wenn es ein schöngeistiger Roman wäre? Die Antwort muss heissen: alles.»