Vier Frauenfäuste für ein sauberes Biberist

Der erste Tag: Romina Widmer (links) und Leila Rietz vor dem Werkhof – für die nächsten drei Jahre ihr Arbeitsplatz. (Oliver Menge)

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Der erste Tag: Romina Widmer (links) und Leila Rietz vor dem Werkhof – für die nächsten drei Jahre ihr Arbeitsplatz. (Oliver Menge)

Die Schule ist vorbei, nun ruft die Arbeit. Im Werkhof Biberist begannen gestern zwei 16-jährige ihre Ausbildung. Das Spezielle daran: beide Lehrlinge sind Frauen. Doch Romina Widmer und Leila Rietz sind zuversichtlich, dass sie sich in diesem «Männerberuf» zurechtfinden.

Gaudenz Oetterli

Es ist Montag, zwei Uhr Nachmittags. Romina Widmer und Leila Rietz stehen vor dem Werkhof Biberist, die eine mit weissem Trägerleibchen, die andere mit schwarzem T-Shirt. Die robusten Stahlkappen-Schuhe sind noch ganz sauber, die blau-gelben Arbeitshosen ganz neu. Die zwei aufgestellten, jungen Frauen tragen die Kleider zum ersten Mal, es ist ihr erster Arbeitstag.

«Welches ist meine Jacke?», fragt Romina ihre Arbeitskollegin, als sie zu Chef und Werkmeister Martin Kürsener in den Lieferwagen steigen. Die Jacken sehen beide aus, als kämen sie direkt von der Fabrik. Unverblasst und ohne Striemen; kein Riss, kein Loch, das die Jacke unverwechselbar machen würde.

Nicht mehr alle Kalender am Schrank

Alle drei Jahre bildet der acht Mann starke Werkhof Biberist zwei Lehrlinge aus. Und obwohl es durchaus schon Frauen gibt, die diesen Beruf ausüben, für Biberist sind Romina und Leila ein Novum. Dass die neuen Lehrlinge auch für alteingesessene Angestellte eine Veränderung bedeuten, ist klar. «Es gibt nun eine separate Garderobe, neue Schlösser und der Umgangston ist ein bisschen weniger ruppig», erklärt René Schwertfeger. Der neuen Situation zum Opfer fiel auch der ein oder andere Kalender an den Schränken und Wänden des Werkhofs.

Auf dem Bleichenberg steigen Romina und Leila aus dem Wagen. Martin Kürsener hat sie an ihren Arbeitsort für den Nachmittag geführt. Auf dem Feld neben dem 1.-August-Festzelt steigt Rauch aus einem grossen Aschehaufen. Seit Samstag haben die Überreste des Feuers vor sich hingeglüht und sogar den regnerischen Sonntag überlebt. Nun sind die Feierlichkeiten vorbei und es geht an den Rückbau des Festareals. Für Romina und Leila heisst das: 16 Beleuchtungsmasten entfernen und auf den Anhänger laden.

«Wir können genauso viel wie Männer»

Die körperliche Arbeit macht den zwei Teenagern keine Probleme. Die Tatsache, dass sie als Frauen in einer Männerdomäne arbeiten noch weniger. «Es gibt viele Leute, die es mir zuerst nicht abnehmen, wenn ich ihnen erzähle, was ich arbeite», sagt Leila. Und oft komme dann der Spruch: «Das hälst du sicher nicht durch.» Mit dem Druck, der damit auf ihnen lastet, gehen die beiden locker um. «Wir befürchten eher, dass wir in der ersten Zeit ein bisschen verhätschelt werden und viel Hilfe bekommen, weil wir Frauen sind. Aber mit der Zeit werden die anderen schon merken, dass wir genau so viel können wie Männer», sagen Romina und Leila überzeugt.

Ganz ohne Vorwissen haben sich Romina und Leila nicht für eine Lehre im Werkhof entschieden. Beide weisen bereits Erfahrungen in diesem Bereich auf - vom einwöchigen Schnuppern im letzten Sommer. Und auch jetzt an ihrem ersten Tag sind sie begeistert. «Die Arbeitskollegen haben uns gut aufgenommen und waren wirklich freundlich», so die beiden Biberisterinnen, die sich bereits seit dem Vorschulalter kennen und befreundet sind.

Zuerst kalte, dann warme Dusche

Nachdem der Festplatz abgebaut ist, geht es ans Putzen und wegräumen. Zurück im Werkhof überlassen die alten Hasen den zwei Neuen das Zepter - oder besser gesagt den Schlauch - und bringen sich wohlweislich in Sicherheit. Pflöcke und Bodenhalterungen müssen abgespritzt werden. Mit den zwei Lehrlingen am Werk wird das Putzen ein erster kleiner Härtetest für die wasserdichten Kleider. Nicht mehr ganz trocken, dafür umso erleichterter ist kurze Zeit später Feierabend.

Nach getaner Arbeit sitzen Romina und Leila im Aufenthaltsraum und füllen ihre Tagesrapporte aus. Ein Feierabendbier gibt es für die beiden nach dem ersten Arbeitstag nicht. Das hat aber nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit ihrem Alter und der Weisung des Geschäfts. Die zwei jungen Frauen stört dies aber nicht weiter. Gross feiern wollen sie sowieso nicht. Es sei zwar der erste Arbeitstag, aber so speziell sei dies nun auch wieder nicht. Jetzt gebe es erst einmal Wichtigeres: «Eine warme Dusche, ein bisschen entspannen und dann nicht allzu spät ins Bett. Damit ich morgen wieder fit bin.»

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