Missbrauch
Viele Taten bleiben ungesühnt

Von 1115 Opfern von sexuellen Übergriffen reichten 243 eine Strafanzeige ein. Obwohl die Öffentlichkeit in Bezug auf sexuelle Übergriffe in den letzten Jahren sensibilisiert wurde, werden nur wenige Taten gesühnt. Zu diesem Schluss kommt die Beratungsstelle Castagna aufgrund aktueller Zahlen.

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«Trotz der Aufklärung über sexuelle Missbräuche ist die Quote der Strafanzeigen weiterhin unbefriedigend. Die meisten Täter kommen ungeschoren davon.» Zu diesem Schluss kommt die Beratungsstelle Castagna aufgrund ihrer aktuellen Zahlen. So suchten im vergangenen Jahr 1115 Mädchen und Frauen Hilfe bei der Beratungsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder, weibliche Jugendliche und in der Kindheit ausgebeutete Frauen. Doch nur 243 Opfer - also rund 22 Prozent - reichten eine Strafanzeige ein. «Die psychischen, sozialen und rechtlichen Hürden sind für die meisten Betroffenen zu hoch, um ihre Peiniger zu belangen», sagt Stellenleiterin Regula Schwager.

Eine Strafanzeige könne ein wichtiger Schritt aus der Opferrolle hinaus sein, hält Schwager fest. Ein deutliches Zeichen für den Täter, dass die Opfer die Übergriffe nicht mehr länger dulden und bereit sind, rechtliche Mittel zu ergreifen. Für sein aktuelles Themenheft hat sich «Castagna» mit der Frage beschäftigt, wann einem Opfer zu einer strafrechtlichen Aufarbeitung geraten werden kann und wann eben nicht. Am 3. Juli findet dazu eine Podiumsdiskussion statt (siehe Information am Textende). Wichtige Fragen in diesem Zusammenhang: Was können die betroffenen Jugendlichen und Frauen von einer Strafverfolgung erwarten? Ist ein Verfahren verkraftbar? Welche Risiken gehen die Opfer ein?

Schwierige Beweisführung

Viele Opfer sind laut Schwager vom Wunsch beseelt, den Täter zur Rechenschaft zu ziehen und vom Staat Recht zu bekommen: «Sie hoffen auf Gerechtigkeit, verkennen aber oft, dass Recht haben und Recht bekommen oft zwei verschiedene Dinge sind.» Da viele Opfer in rechtlichen Belangen wenig bewandert seien, werde oft die Schwierigkeit der Beweisführung unterschätzt.

Laut «Castagna» wird ein Angeklagter rechtsgemäss erst verurteilt, wenn er die Straftat zugibt oder die Beweislage zweifelsfrei gegen ihn spricht. «Beides ist bei sexuellen Übergriffen oft nicht der Fall», sagt Schwager. Der Ausgang von Verfahren sei darum meist ungewiss, was für die Betroffenen bedeute, dass sie mit einer Einstellung des Verfahrens rechnen müssen, mit dem Freispruch des Täters oder einem Strafmass, das als viel zu milde empfunden wird. Und obwohl die Verurteilung zwar mit Genugtuung und Erleichterung verbunden sein könne - laut Schwager kann sie bei den Opfern auch Schuldgefühle auslösen.

Oft ziehe sich ein Strafverfahren über Jahre hin und sei mit belastenden Erfahrungen verknüpft. Schwager: «Bei den Zeugeneinvernahmen werden die traumatischen Ereignisse wieder lebendig, oft verbunden mit Schlaflosigkeit, Albträumen, Flash-backs oder Angstattacken, die es zu verarbeiten gilt.» Dennoch seien die meisten Betroffenen am Ende froh, den Schritt gewagt zu haben. «Sich gewehrt zu haben ist eine gute Strategie gegen die Ohnmacht», so Schwager, «dies unabhängig vom Ausgang des Verfahrens.» Grundsätzlich könne die Frage «Strafanzeige: Ja oder Nein?» jedoch nur individuell beantwortet werden. Unterstützung beim Entscheidungsprozess bietet «Castagna». Ausserdem liefert die Beratungsstelle Informationen zum Ablauf des Verfahrens und zu Verjährungsfristen, vermittelt Anwältinnen oder stellt den Kontakt zur Polizei her. (ant)

Podiumsdiskussion «Recht und Gerechtigkeit im Zusammenhang mit sexueller Ausbeutung», Freitag, 3. Juli, 19.30 Uhr, Zentrum Klus, Asylstrasse 130, Zürich.