Viel geredet, wenig gelöst

Für die Randständigen in Burgdorf liegt weiterhin keine Lösung vor. Doch bis zum kommenden Winter soll dies Schnee von gestern sein.

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Solothurner Zeitung

Julian Perrenoud

Geändert hat sich in Burgdorf gegenüber letztes Jahr wenig: Noch immer hängen etwa 20 Randständige im Bahnhofquartier herum und noch immer gibt es für sie keine Alternative zum abgeschmetterten Alkistübli-Projekt (siehe Update). «Die gegenwärtige Situation ist für alle Betroffenen nicht ideal», sagt Gemeinderätin Annette Wisler Albrecht (SP), Vorsteherin der Sozialdirektion. Es sei schwierig, eine optimale Lösung zu finden. Bis im Winter wünschen sich die Betroffenen einen geschützten Raum. Die Geschäfter ihrerseits möchten schnellstmöglichst eine rechtliche Grundlage für Kontrollen von Aufenthalten im öffentlichen Raum oder Grossdemos. Dafür muss der Stadtrat zuerst ein Polizeireglement verabschieden. «Sowas geht aber nicht von heute auf morgen.»

Update

Nach einer Interpellation und dem darauffolgenden Postulat im Burgdorfer Stadtrat arbeitete die Sozialdirektion mit der Stiftung Contactnetz ein Konzept für ein Alkistübli aus. Doch das Projekt mit jährlichen Kosten von rund 200 000 Franken wies der Gemeinderat zurück. Der Grund: Für bloss 20 Randständige, die sich vor dem Coop aufhalten würden, sei es zu überdimensioniert. (JPW)

Um nicht primär repressive Massnahmen ergreiffen zu müssen, bat die Sicherheitsdirektion die betroffenen Parteien kürzlich zum Gespräch am runden Tisch. Sie haben viel geredet, konkrete Lösungen aber gibt es (noch) keine. Immerhin: Die Delegation der Randständigen, Geschäfter, Fachstellen sowie der Polizei hätten das gegenseitige Feindbild abbauen können, sagt Wisler. «Der Prozess war spannend. Es wird immer gleich ein Resultat erwartet - dabei ist es wichtig, zuerst über die Bedürfnisse der Beteiligten zu diskutieren.» Es erfordere viel Mut, über die eigene Angst, Sucht, Krankheit und Frust zu sprechen.

Es werden immer mehr

Etwas aber haben die geführten Gespräche für Wisler ergeben: Die Alternative zum Alkistübli soll speziell für Burgdorfer sein. Ansonsten, so befürchten die Betroffenen, strömen nur noch mehr Randständige in die Emme-Stadt. Deren Zahl nehme sowieso zu. Ein Alkistübli hätte auch eine Sogwirkung, glaubt Wisler. Zudem gebe es ja bereits ein solches in Bern. «Die Betroffenen befürchten zudem, dass so mehr illegale Drogen nach Burgdorf gelangen.»

«Das ist ein Appell an uns»

Die Randständigen sehen ein, dass sie eine schwierige Situation schaffen, wenn sie betrunken sind oder sich streiten. Ihnen gegenüber verhalten sich die Verantwortlichen von Coop relativ tolerant, solange die Betroffenen aus der Alkoholszene nicht unter dem Dach der Filiale oder an der Bushaltestelle stehen. Die Geschäfter im Bahnhofquartier bewerteten die jetzige Situation von «nicht so schlimm» bis «ganz schlimm.» Dass gerade Burgdorf ein gern gewählter Standort der Randständigen ist, hat auch damit zu tun, dass hier das Biwak angesiedelt ist. Hier können sie ihr Methadon in kontrollierter Dosis beziehen. Einige arbeiten auch bei der Velostation.

Die grösste Angst der Randständigen und Geschäfter ist laut Wisler, dass seitens der Stadt nichts geschieht. «Das Resultat der Gespräche ist ein Appell an uns.» Was das heisst? Am Mittwoch stellten die Sozial- und Sicherheitsdirektion aus der am runden Tisch zusammengetragenen Ideen eine Liste mit kurz- und langfristigen Lösungen zusammen. Darin sind Toleranz vor Ort, ein Verhaltenskodex oder eine Vertrauensperson (Gassenarbeiter) enthalten. Die Prioritäten sind gesetzt, in der zweiten Augusthälfte wollen sich die Parteien erneut am runden Tisch treffen. Erst danach wird der Gemeinderat über die Vorschläge befinden. Für eine kurzfristige Sommerlösung - sprich einem neuen Aufenthaltsort für Randständige - soll es auch noch reichen.

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