Verliebt in Morse-Melodie

Während der gesamten Samstagnacht morste Rudolf Dobler blitzschnell kurze Botschaften in die ganze Welt. Der Muttenzer vertrat die Schweiz an der Weltmeisterschaft der Amateurfunker.

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bz Basellandschaftliche Zeitung

Andreas Maurer

Er telegrafiert als einer der Schnellsten der Schweiz: Pro Minute morst Rudolf Dobler über 150 Zeichen. Die piepsenden Morsezeichen dürfe man nicht wie im Lehrbuch beschrieben als einzelne Punkte und Striche wahrnehmen. «Man muss die Zeichen als Melodie hören», betont der Muttenzer mit funkelnden Augen.

Gemeinsam mit anderen Funkamateuren vertritt Dobler die Schweiz an der Amateurfunk-Weltmeisterschaft. Der Amateurfunk ist ein anerkannter Funkdienst wie zum Beispiel der Flug- oder Seefunk oder der Rundfunk der Radiostationen. Das Ziel der WM ist, während 24 Stunden möglichst viele Funkverbindungen mit verschiedenen Personen aufzubauen. Dabei werden nur das Kennzeichen und der Organisationsname übermittelt. «Der Inhalt unserer Kommunikation ist belanglos. Es geht um die Freude am technischen Experimentieren», erklärt der Amateurfunker. Es fasziniert ihn, selber Verbindungen aufzubauen, Antennen zu konstruieren und die Geräte richtig einzustellen.

Dobler und seine Kollegen sitzen vor antiken militärischen Geräten in einer kleinen Baracke unterhalb der Strasse zwischen Füllinsdorf und Giebenach. Es ist das Clubhaus des vierzigköpfigen Amateurfunkvereins der Region Farnsburg. Neben dem kleinen Haus schwanken riesige Antennen im Wind. Die technikvernarrten älteren Männer werden nicht nur von Aussenstehenden als Exoten wahrgenommen. Auch untereinander spotten sie freundschaftlich über die Tätigkeit des Anderen. Jeder hat seine Nische innerhalb des Amateurfunks gefunden und empfindet die Spezialisierung seines Kollegen als etwas seltsam.

Morsen in mörderischem Tempo

Erst in der Abenddämmerung beginnt Dobler seine Teilnahme an der WM, obwohl diese bereits seit dem Mittag läuft. Der 64-Jährige nutzt eine Frequenz, mit der er nur nachts senden kann. Bis zum Morgengrauen morst er in mörderischem Tempo Nachrichten durch die Nacht. «Das wird nie langweilig», sagt er enthusiastisch. Auch müde wird er nicht: Von seiner Arbeit als Chemikant ist er sich Schichtarbeit gewohnt.

In der Schweiz besitzen etwa 4000 Leute eine Amateurfunklizenz. Dobler schätzt, dass davon etwa 1000 an der WM teilnehmen. Sie bauen möglichst viele Funkverbindungen mit einem der Hauptquartiere auf. Die Antennen in Füllinsdorf stellen eines dieser Hauptquartiere dar. Im letzten Jahr hat die Schweiz den 26. von 64 Plätzen belegt. Dieses Jahr ist das Ziel ein Platz unter den ersten zwanzig.

Von sich aus kommen die Männer auf die Strahlenbelastung zu sprechen: Diese sei unbedenklich, da sie nicht direkt neben den Antennen sitzen. Als Beweis verweisen sie auf sich selber: «Sonst müssten wir ja schon längst todkranke Männer sein. Und der Haarausfall hat andere Ursachen.» Die Stimmung in der Baracke ist heiter. Etwas düster ist demgegenüber das «Funkwetter». Dieses wird hauptsächlich durch die Sonnenaktivität bestimmt. Zurzeit habe es leider kaum Sonnenflecken, bedauert Dobler. Dadurch wird das Funken erschwert.

Der Pensionierte freut sich bereits auf die Zeit nach der WM: Mit Kollegen verbringt er zwei Wochen auf einer Azoren-Insel. Dort wird er nicht baden, sondern telegrafieren. «Beim letzten Mal haben wir
14 000 Verbindungen in einer Woche hergestellt», schwärmt er.

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