Rosmarie Mehlin

2003 war Fahrije (alle Namen geändert) als 18-Jährige im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz gekommen. Sie kann weder lesen noch schreiben, hat in einem Putzinstitut gearbeitet und dort Elheme kennen gelernt. 2006 hatte diese den Eltern von Fahrije unterbreitet, sie habe in Kosovo einen Neffen, der gut zu Fahrije passen würde.

Umgehend war deren Mutter mit der Tochter in die Heimat gefahren, wo Fahrije dem vier Jahre älteren Burim vorgestellt und die Sache innert weniger Tage mit einer Verlobung besiegelt wurde. Nach vier Monaten, im September 2006, wurde geheiratet, Ende November folgte Burim seiner Angetrauten in die Schweiz und am 4. Juli 2007 hatte Fahrije ihren Mann bei der Polizei wegen mehrfacher Vergewaltigung angezeigt.

Bereits wieder neu verheiratet

Vor Gericht erschien Burim in Begleitung seiner Tante Elheme und seiner neuen Gattin Razije, die beide als Zeugen einvernommen wurden. Die 24-jährige Razije, die als 19-Jährige bereits einmal verheiratet war - «nur drei Monate lang» -, schwärmte von Burim in den höchsten Tönen als «einem ganz lieben Mann».

Sie lebt seit 20 Jahren in der Schweiz, hatte ihn im Januar 2008 in Kosovo kennen gelernt und drei Monate später geheiratet. Seine Scheidung von Fahrije war in Kosovo offenbar ebenso schmerzlos über die Bühne gegangen wie ein gutes Jahr zuvor die Heirat. Die Ehe allerdings war für Fahrije alles andere als schmerzlos verlaufen.

Täglich Sex sei doch normal

Burim habe, liess sie als Zeugin übersetzen, sie in der Heimat gegen ihren Willen in einem Auto entjungfert und danach sehr oft gegen ihren Willen den Geschlechtsverkehr mit ihr erzwungen. In den ersten Monaten der Ehe, als sie noch bei ihren Eltern und er bei der Tante wohnte, sei das in Elhemes Wohnung geschehen, oder auch mal während eines Spaziergangs im Freien.

Beides sei ihr äusserst unangenehm gewesen, aber Burim habe keine Rücksicht genommen. Er habe sie geschlagen, festgehalten, manchmal auch zu würgen begonnen.

Warum sie ihren Mann denn nicht verlassen habe, wollte Gerichtspräsident Guido Näf von ihr wissen. Sie habe ihn doch eigentlich geliebt und immer wieder gehofft, dass er sich bessern würde. Einmal hatte sie sich immerhin ihren Eltern anvertraut, worauf mit Elheme und deren Mann Familienrat gehalten und entschieden worden war, dass dem jungen Paar zum Glück nur die eigene Wohnung fehle. Dort ging Fahrijes Martyrium allerdings weiter wie gehabt, bis sie ihm mit ihrer Anzeige ein Ende setzte.

Gegenüber den Untersuchungsbehörden äusserte Burim, dass er täglich Sex haben wolle, lieber zwei- als einmal, wie das doch völlig normal sei. Mit Fahrije habe er aber nur geschlafen, wenn beide Lust dazu gehabt hätten. Was Fahrije behaupte, stimme überhaupt nicht; niemals habe er Gewalt angewendet. Wenn sie sich von ihm habe trennen wollen, hätte sie ihm das einfach sagen können. Sie schwärze ihn bloss an, weil sie wolle, dass er nach Kosovo zurückmüsse.

31/2 Jahre Freiheitsstrafe

Die nach Erstattung der Anzeige von einem Arzt festgestellten Blutergüsse an Fahrijes Armen und Beinen sprachen diesbezüglich allerdings eine andere Sprache. Der Staatsanwalt forderte denn auch für mehrfache Vergewaltigung und sexuelle Nötigung eine Freiheitsstrafe von 31/2 Jahren.

Burims Verteidiger machte Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Fahrije geltend, weshalb sein Mandant nach dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» freizusprechen sei. Eventuell - falls das Gericht zu einem Schuldspruch komme - sei Burim zu 18 Monaten bedingt zu verurteilen.

Das Gericht kam zu einem Schuldspruch, folgte mit 31/2 Jahren auch beim Strafmass dem Ankläger und sprach Fahrije ebenfalls die von ihrer Anwältin geforderten Genugtuung in Höhe von 10 000 Franken zu.