Chemie
Vergiftetes Trinkwasser in Muttenz: Greenpeace sagt, welche Chemiefirmen dahinter stecken

Die Chemiefirmen haben brisante Dokumente zurückgehalten, welche die Haftungsfrage bei den Chemiemülldeponien in Muttenz klären würden. Sagt Greenpeace. Die Gegner sagen: Alles alter Kaffee.

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bz Basellandschaftliche Zeitung

Birgit Günter

Die Vorwürfe der Umweltorganisation Greenpeace an den Chemiefirmen sind heftig: Irreführung der Behörden und Unterschlagung von wichtigen Daten, welche die Haftungsfrage bei der Wasserverschmutzung in den Muttenzer Deponien klären würden. Konkret hätten die Firmen der Regierung auf deren Aufforderung hin eine zensierte Liste abgegeben, auf der nur die in jener Zeit hergestellten Substanzen vermerkt waren - aber eben nicht die Namen der jeweils verantwortlichen Firmen.

«Dass die Novartis, Ciba/BASF und Syngenta diese wichtigen Informationen bisher zurückbehalten haben, ist skandalös», sagt Matthias Wüthrich, Leiter Chemiekampagne Greenpeace. Die Firmen hätten diese Daten unterschlagen, weil sie damit für die Trinkwasserverschmutzung haftbar gemacht werden könnten, so Greenpeace. «Wir dürfen den Chemiefirmen bei der Bewältigung des Altlastenproblems nicht trauen», findet auch Jürg Wiedemann, Landrat der Grünen. Nur dank eines Informanten, der diese «Masterlisten» letzte Woche Greenpeace zugespielt hat, käme nun die «brisante» Wahrheit ans Licht.

«Die Daten sind alle bekannt»

Doch die Wahrheit hat in der Chemiemülldiskussion mehrere Gesichter. Für Alberto Isenburg, Leiter des Baselbieter Amtes für Umweltschutz und Energie (AUE), sind diese «Masterlisten» weder neu noch relevant. «Die Daten sind alle bekannt», betont er. Zwar sei auf der der Regierung vorliegenden Liste - welche die Interessengemeinschaft Deponiesicherheit Region Basel (IG DRB) im Namen der Chemiefirmen erstellt hatte - der Name der Firma tatsächlich nicht vorhanden gewesen.

«Aber wenn uns das interessiert hätte, hätten wir die Information von der IG DRB hundertprozentig erhalten», ist er überzeugt. Die Information würde jedoch nicht weiterhelfen, denn die Liste sei gar kein Beweisstück. «Um eine Firma haftbar zu machen, muss man nachweisen können, dass die gefundene Substanz von ihr und nicht von einer anderen stammt», erklärt Isenburg. Und das sei kaum möglich.

Ebenfalls kein gutes Haar an den «Erkenntnissen» von Greenpeace lässt das «Überparteiliche Komitee für eine unverzügliche und nachhalte Lösung des Altlastenproblems». «Greenpeace serviert alten Wein in alten Schläuchen», schreibt Christoph Buser vom Komitee in einer Mitteilung.

Keine Rückschlüsse möglich

Ausserdem würde Greenpeace wie immer Äpfel mit Birnen vergleichen: Sowohl bei der zensierten als auch der Masterliste handle es sich nicht um eine Inhaltsliste der Muttenzer Deponien, sondern sie zeige die Produktpalette jener Zeit. «Rückschlüsse von dieser Produktionsliste auf den Deponieinhalt sind deshalb direkt nicht möglich», fährt Buser fort.

Der genau gleiche Satz kommt auf bz-Nachfragen schriftlich übrigens auch von Novartis zurück. Novartis verweist zudem darauf, dass man den Behörden bewusst eine Zusammenfassung der Listen - Greenpeace würde hier von zensierten Listen sprechen - zur Verfügung gestellt hat, weil das in diesem Zusammenhang nicht relevant sei. Es seien jedoch durchaus einzelne Firmennamen genannt worden, von Verschleiern könne darum keine Rede sein.

Dem widersprechen die Deponiegegner vehement. «Die Vernebelungstaktik hat schon seit Jahren System, weil sich die Firmen aus der Verantwortung schleichen wollen», sagt Jürg Wiedemann. Er zitiert aus einem Sitzungsprotokoll aus dem Jahr 1955 einen Sandoz-Mitarbeiter, der empfiehlt, dass verschiedene Chemiefirmen dieselben Deponien benützten, «weil sich im Falle einer Grundwasserverunreinigung praktisch nicht feststellen liesse, wer für die Verunreinigung verantwortlich sei».