Gericht
Verfehlungen in Uniform

Die beiden Ordnungshüter haben verschieden schwere Delikte begangen. Hauptangeklagter ist der ältere Polizist, der unter anderem seine Mitarbeiter schikaniert und pädophile Neigungen hat.

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Loris Vernarelli

Wenn sich Polizisten vor Gericht verantworten müssen, hat es meistens mit Gewaltanwendung bei Verhaftungen oder Demonstrationen zu tun. Brutalitäten dieser Art werden den beiden Beamten der Polizei Basel-Stadt, die ab nächsten Montag vor dem Basler Strafgericht erscheinen müssen, zwar nicht vorgeworfen. Doch die Anklageliste ist gleichwohl beeindruckend lang: Sie reicht von mehrfacher Gewaltdarstellung und Amtsmissbrauch über Verletzung des Amtsgeheimnisses bis unrechtmässige Aneignung von Pornografie.

Obwohl die Angeklagten zusammen vor dem Dreiergericht erscheinen, werden ihre Fälle separat beurteilt. Aus den Anklageschriften geht hervor, dass sich Albert Siegrist (Name geändert), der ältere der beiden Polizisten, mehr und zum Teil schlimmere Vergehen zuschulden kommen liess. Alles begann im 2003, als Siegrist bereits seit zwei Jahren Chef des Alarmpiketts einer Basler Bezirkswache war. Seine Mitarbeiter beschreiben ihn als rechthaberisch, als eine Person, die keine Widerrede duldet und bedingungslosen Gehorsam fordert. Eigenschaften, die von einem schlechten Charakter zeugen, aber keineswegs strafbar sind. Diese werden jedoch untragbar, wenn er damit seine Macht- position demonstriert.

Kollegin ans Gesäss gefasst

Laut Anklageschrift mussten seine Mitarbeiter einiges über sich ergehen lassen. So befahl er die Ausstellung unberechtigter Bussen oder er wies an, keine an seinem in der blauen Zone parkierten Privatwagen anzubringen. Besonders abgesehen hatte es Siegrist aber auf eine Polizistin. Auf Patrouillenfahrten kritisierte er offen ihren Fahrstil und gab zu verstehen, dass Frauen eh keinen Führerschein erhalten sollten. Zudem fragte er die Frau über ihr Sexualleben aus.

Das reichte Albert Siegrist offenbar nicht. Er griff seiner Kollegin ans Gesäss und erwiderte auf ihre Proteste, er dürfe als Chef alles tun. Aus Angst vor dem Jobverlust und den Belästigungen schwieg sie zunächst. Schliesslich reichte sie eine schriftliche Beschwerde ein: Es war der Stein, der den «Fall Siegrist» überhaupt ins Rollen gebracht hat. Verhaftet wurde Albert Siegrist im August 2005; nach dem Verhör kam er wieder frei, seitdem ist er auf freiem Fuss.

Ironischerweise muss sich der Polizist nicht wegen sexueller Belästigung vor Gericht verantworten, da die Tat inzwischen verjährt ist. Auf der Suche nach Beweisen sind die Ermittler allerdings auf andere Delikte gestossen. Sowohl Siegrist als auch der zweite Angeklagte, Oliver Mahler (Name geändert), fotografierten beispielsweise während ihrer Einsätze mit der privaten Digitalkamera: Straftäter, Verletzte, Alkoholisierte, Prostituierte, Drogenkranke, Leichname von Menschen und Tieren. Die Bilder speicherten sie für den Selbstgebrauch systematisch ab und befriedigten somit ihre Sammelwut. Auf Siegrists Laptop und PC fanden die Ermittler ebenfalls Tausende Bilder mit hartem pornografischem Inhalt - darunter auch Fotos von Kindern, die er zwischen 2002 und 2005 aus dem Internet heruntergeladen hatte.

Angesichts dieser schweren Anschuldigungen sind das illegale Brennen und Verkaufen von CDs und DVDs beinahe «Kavaliersdelikte». Aber auch das haben Siegrist und Mahler während der Arbeitszeit gemacht. Ersterer richtete sogar die Dauer der Patrouillenfahrten nach der Kopierzeit der Rohlinge. Nach kurzer Zeit stellte Oliver Mahler die unerlaubte Tätigkeit wieder ein, weil er von Siegrist unter Druck gesetzt wurde, zu jedem Nachtdienst neue Filme mitzubringen.