Franz Schaible

Seit zwei Monaten gehört die 20-jährige Sevgi Muratoglu auch dazu – zu den rund 11 000 Reisenden, die werktags die RBS-Bahnlinie RE benutzen. Die KV-Praktikantin pendelt seit Anfang August mit dem Zug von Solothurn in die Bundeshauptstadt. «Ich nehme den Zug, weil ich damit rasch in Bern bin», sagt sie und steigt in den Zug.

Die junge Frau ist damit in guter Gesellschaft. Denn der Regionalverkehr Bern Solothurn (RBS) boomt. Allein auf der Strecke Solothurn – Bern hat sich die Zahl der Passagiere von 2,1 Millionen im Jahr 1990 auf 3,7 Millionen im vergangenen Jahr um fast 80 Prozent erhöht (siehe Tabelle).

Andere Betreiben können nicht mithalten

Damit betreibt der RBS die am meisten frequentierte Bahnverbindung in der Region und gleichzeitig eine der schnellstwachsenden Strecken in der Schweiz. Über fünf Jahre betrachtet hat sich das Wachstum jeweils verstärkt. Im laufenden Jahr werden mit gegen 4 Millionen rund ein Drittel mehr Passagiere als 2005 die Verbindung benutzt haben. Da können die anderen Bahnbetreiber im Grossraum Solothurn nicht mithalten.

Zwar sei die vom öffentlichen Verkehr beförderte Anzahl Gäste in diesem Zeitraum generell stark gestiegen, «aber die Entwicklung auf unserer RE-Linie ist sicherlich aussergewöhnlich», erklärt Ulrich Reinert, Leiter Koordination Betrieb und Technik beim RBS. Nach seinen Angaben liegt das landesweite PassagierWachstum im gesamten öffentlichen Verkehr in den vergangenen 20 Jahren bei rund 50 Prozent.

Wachstum von 27 Prozent

Die SBB ihrerseits verzeichneten gesamtschweizerisch einen Anstieg von 834 Millionen Reisenden im Jahr 1990 auf 1057 Millionen im 2010, wie SBB-Sprecher Daniele Pallecchi angibt. Dies entspricht einem Wachstum von 27 Prozent.
Hauptgrund für die überdurchschnittliche Zunahme zwischen Solothurn und Bern sei das stetig verdichtete Fahrplanangebot in einem dicht besiedelten Raum.

So habe der RBS den Halbstundentakt bereits 1993 eingeführt, die SBB auf ihrer Hauptstrecke Bern – Zürich erst vier Jahre später. Reinert: «Wir haben da eine gewisse Vorreiterrolle gespielt.» Das zeigt sich auch in den Zahlen der Anzahl Zugsverbindungen. Verkehrten 1990 werktags zwischen Solothurn und Bern 58 Züge hin und zurück, sind es heute deren 86. Ferner habe sich das Einzugsgebiet stark entwickelt. Gerade Familien hätten sich vermehrt der Strecke entlang nach Solothurn niedergelassen. «Wohnen auf dem Land, arbeiten in der Stadt ist für viele attraktiv.»

Jeder potentieller Fahrgast

Grundsätzlich sei jeder Einwohner mehr ein potenzieller zusätzlicher Fahrgast. Die Attraktivität der Strecke liege auch darin begründet, dass die Bahnhöfe jeweils in den Gemeinden relativ zentral gelegen seien. Einen weiteren Einfluss sieht Reinert auch in der prekären Verkehrssituation auf der Autobahn A1. «Wer jeden Morgen und Abend im Stau stecken bleibt, der überlegt sich den Umstieg auf die Bahn.»

Nicht zuletzt verweist Reinert auf die Resultate der regelmässig durchgeführten Kundenbefragungen. «Die Passagiere sind in der Regel mit den RBS-Dienstleistungen zufrieden.» Allerdings seien die nicht vorhandenen Toiletten auch in den neuesten Zügen immer wieder ein Thema, gesteht er ein. Es sei eine Abwägung zwischen WC und genügend Sitzplätzen gewesen. Eine Toilette im Zug hätte den Raum von 16 Sitzplätzen «gekostet».

Nachfrage ist enorm

Für den Fahrplanexperten ist absehbar, dass das Passagieraufkommen in den kommenden Jahren weiter steigen wird, wenn auch nicht mehr so stürmisch wie in den letzten Jahren. «Wir schätzen, dass wir im Jahr 2020 rund 15 Prozent mehr Fahrgäste haben werden als heute.» Dass die Nachfrage enorm sei, belege die Akzeptanz des kürzlich eingeführten Entlastungszuges zwischen Fraubrunnen und Bern.

Er sei vom ersten Tag an sehr gut ausgelastet. «Dieses Beispiel zeigt, dass wir mit dem Angebot der Nachfrage schon seit längerem etwas nachhinken.» Die Zugsverbindungen würden zwar stetig erhöht und verbessert, aber für weitere Entlastungszüge sei das gegebene Bahnkorsett ziemlich eng.

Nonstop nicht möglich

Eine Nonstop-Verbindung von Solothurn nach Bern sei deshalb vorerst nicht realisierbar. Die Strecke zwischen Solothurn und Jegenstorf sei grösstenteils einspurig geführt, für zusätzliche Züge ohne Halt wäre aber eine durchgehende Doppelspur und zusätzliche Kapazitäten im überlasteten RBS-Bahnhof in Bern nötig. Aus demselben Grund sei eine Fahrzeit unter 30 Minuten nicht zu schaffen.

«Eine in Auftrag gegebene Studie hat gezeigt, dass dazu ein komplett neues Bahntrassee gebaut werden müsste.» Das Trassee der 1916 eröffneten Zugstrecke zischen Solothurn und Bern – welches mehr oder weniger heute noch besteht – sei auf eine Geschwindigkeit von 40 Stundenkilometer ausgelegt gewesen. Die realistische Schallgrenze für die RE-Züge liege bei etwa 33 Minuten Fahrzeit. Nach den geplanten respektive laufenden Umbauten am Bahnhof Biberist und im Raum Fraubrunnen-Jegenstorf werde man die Fahrzeit leicht reduzieren können.

Inzwischen ist Sevgi Muratoglu nach 37 Minuten Fahrzeit in Bern angekommen. «Es ist viel stressfreier mit dem Zug zu pendeln als mit dem Auto. Und die Fahrt ist erst noch gemütlich.» So haben die Zugskompositionen der neuesten Generation nichts mehr gemein mit dem orangen «Bähnli» früherer Jahre. Aber die junge Pendlerin wird die Schallgrenze von 33 Minuten Fahrzeit während ihres Praktikums nicht erleben. Es dauert ein Jahr.