Vancouver

Vancouver bleiben leere Stadien und Milliardenschulden

Das finanzielle Prinzip der modernen Olympischen Winterspiele lautet: Das Gastgeberland bezahlt und das Internationale Olympische Komitee (IOC) kassiert: Winterspiele sind für die Austragungsorte riesige Verlustgeschäfte, auch in Kanada, wo rund eineinhalb Milliarden Franken fehlen.

Felix Lill

Von umgerechnet knapp 600 Milliarden Franken ging man aus, mehr sollten es wirklich nicht werden. Damit sollten die Olympischen Winterspiele von Vancouver immerhin 70 Millio-
nen weniger kosten als zunächst angenommen – dachte man im Mai 2007, als Vancouvers Organisationskomitee den Businessplan für die Olympischen Winterspiele veröffentlichte. Aber die Ernüchterung kam rasch: Das olympische Dorf, das eigentlich Gewinn machen sollte, wurde schon ab 2008 mit Millionenverlusten kalkuliert, ausserdem verschlangen zusätzliche Infrastrukturprojekte, Sicherheitsausgaben und weitere versteckte Kosten dreistellige Millionenbeträge. Je mehr sich die olympische Flamme der kanadischen Pazifikküste genähert hat, desto höher wurden die Kosten. Mittlerweile geht man davon aus, dass die Spiele mit Schul-
den von über eineinhalb Milliarden abgeschlossen werden. Olympia-Gegner kommen sogar auf knapp 9 Milliarden Franken Gesamtausgaben.

Erinnerungen an olympische Schulden

Was für Aussenseiter wie ein hoffnungsloser finanzieller Ausnahmezustand anmutet, ist im Kontext der Olympischen Spiele aber kaum besonders. Gerade die Kanadier dürften sich gut an olympische Schulden erinnern. Erst Mitte 2006 konnten die umgerechnet 1,5 Milliarden Franken, welche die Sommerspiele von Montreal 1976 verursacht hatten, komplett abgetragen werden, finanziert aus Steuermitteln.

Demgegenüber stehen Milliardengewinne des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), das zwar keinerlei Kosten für die Events trägt, sich aber seit der Kommerzialisierung Olympias in den 1960er-Jahren einen grossen Teil der Einnahmen zusichert. Aktuell beträgt der Anteil über die Hälfte der
TV-Einnahmen, 20 Prozent eines eventuellen Gewinns und rund 7 Prozent der Erlöse im Merchandising. Dank diesen Deals konnte der IOC-Vorsitzende Jacques Rogge daher die Welt kurz vor Beginn der Spiele von Vancouver beruhigen: Sollten die Olympischen Spiele jemals ausfallen, sei das für das IOC kein Problem, man habe Rücklagen von 500 Millionen, die mindestens für vier Jahre ausreichen würden.

Seit Rogges Amtsantritt 2001 ist das IOC noch reicher geworden als zuvor. Mit wenigen Ausnahmen haben die Austragungsorte allerdings konstant über die letzten Jahrzehnte Verluste gemacht. Das japanische Nagano, das die Spiele 1998 veranstaltete, muss seine Schulden über 25 Jahre abbauen, denn der längst vergangene, kurzfristige Tourismusboom füllt schon lange keine Hotels mehr, auch die Vielzahl von Sportstätten wird kaum noch genutzt. Ähnlich sieht es in Turin aus, dem Austragungsort von 2006. Allein die Sportanlagen haben knapp eine Milliarde Franken gekostet, heute liegen sie aber weitgehend brach. Auch hier zahlt der Steuerzahler die Rechnung, offiziell sind es rund 40 Millionen Franken.

Kritiker zürnen sogar, dass nicht einmal das kanadische Calgary, das prominente Beispiel von 1988, das offiziell schwarze Zahlen schrieb, einen Gewinn machte. Beziehe man Kosten des öffentlichen Sektors, Verluste durch Umsiedlungspolitiken, Ausgaben für Infrastruktur und Sicherheit sowie ökologische Auswirkungen in die Rechnung ein, sei Calgary genauso verlustreich wie alle anderen Spiele, behauptet die Oppositionsbewegung «No 2010». Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen PricewaterhouseCoopers stellte kürzlich fest, dass durch die Olympischen Spiele nur 0,1 Prozent mehr Arbeitsplätze vor Ort entstehen als sonst. Olympia kurbelt die Wirtschaft nicht an.

Auch auf Vancouver werden die Spiele langfristig keine überwiegend positiven Auswirkungen haben. Während die Kanadier die Zeche zahlen, werden viele Sportanlagen voraussichtlich die meiste Zeit ungenutzt bleiben. Unterdessen hat sich das IOC schon neue Deals gesichert, für Sotschi, 2014.

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