Andreas Kaufmann

Die persönliche Betroffenheit reicht zwei Jahre zurück: Im Sommer 2007 erlebte Bettlach Unwetterschäden, wie sie statistisch in 50 Jahren nur einmal zu erwarten sind. Zahlreiche Keller standen unter Wasser, die Bahnhofstrasse wurde zum Bach. Erinnerungen, die auch bei den Besuchern der Infoveranstaltung im Werkhof am Mittwochabend zurück ins Bewusstsein geholt wurden. Rund 60 Bettlacher besuchten den Anlass, an dem die Gefahrenkarte der Gemeinde vorgestellt wurde. «Das grosse Interesse ist sehr erfreulich. Es zeigt, welchen markanten Einfluss die Ereignisse von 2007 anscheinend hatten», erklärte Bauverwalter Titus Moser.

Gefahr verpflichtet

Doch nicht primär die persönliche Betroffenheit gab den Ausschlag für die vorgestellte Karte. Von Gemeinden, die gemäss kantonaler Gefahrenhinweiskarte ein Gefahrenpotenzial in Sachen Naturgefahren aufweisen, wird eine solche Karte verlangt. Im Auftrag Bettlach untersuchte schliesslich BSB+Partner den Prozess «Wassergefahren», während die Thematik potenzieller Erdrutsche von Wanner AG Solothurn unter die Lupe genommen wurde.

«Für die Gefahreneinschätzung wurden historische Dokumente analysiert, aber auch aktuelle geologische, sowie Siedlungsdaten», blendete BSB-Projektleiter Davide Secci zurück. Die Hauptgefahr - so das Fazit - gehe vom Giglerbach aus, der auf der entsprechenden Übersichtskarte auch drohend rot heraussticht. Dies ist einerseits auf die Gefahr der Ufererosion zurückzuführen, andererseits aber auch auf so genannte Verklausungen. Im Bereich von Brücken und eingedolten Bachabschnitten kann sich Schwemmgeschiebe verkeilen, so dass sich das Wasser zunächst staut und dann einen Umweg über Strassen findet. So auch geschehen 2007 im Bereich des Höhenwegs.

Leben mit den Risiken

«Auch wenn ich nicht direkt Angst habe, künftig direkt betroffen zu sein, man fühlt sich doch nicht wohl, wenn man von einem Inseli auf ein Gebiet blicken kann, wo man Reis pflanzen könnte», erinnert sich ein anwesender Einwohner. Existenziell wichtig ist die Frage der Unwettergefahr auch für den Landwirt Daniel Sommer, der seinen Hof beim Wyssbächli hat: «Man schläft anders, wenn man weiss, welche Auswirkungen ein Regenfall haben könnte.» Laut Gefahrenplan können auch Hänge abrutschen, wie es Piet Ouwehand von der Wanner AG ausführte: «In Sachen Hangmuren gibt es zwei Bereiche, die so steil sind, dass es bei zu starkem Niederschlag Material runterspült.»

Zur Frage, ob ein Handlungsbedarf besteht, kommt von Secci ein eindeutiges Ja. «Nicht zuletzt 2007 hat es bewiesen. Es kann jahrzehntelang nichts passieren, und dann plötzlich kommt das Hochwasser.» Das schätzungsweise 4,5 Mio. Franken teure Massnahmenpaket sieht unter anderem eine Sanierung der Stellen vor, die potenziell Verklausungen auslösen können, so unter anderem das obere Brüggli beim Höhenweg. Einen gewichtigen Teil macht ein Auffangbecken von 1000 Kubikmetern aus, das oberhalb des Höhenwegs gebaut werden soll, um herangetragenes Geschiebe zwischenzulagern. «Möglichst weit oben abfangen», lautet die Devise. Bei der nächsten Ortsplanrevision seien die vorliegenden Erkenntnisse umzusetzen: Allenfalls dürften gefährdete Gebiete nicht neu eingezont werden. Beachtung schenken muss man der Gefahrenkarte aber bereits heute, beispielsweise bei der Beurteilung neuer Baugesuche.

Sofern die Massnahmen adäquat und nach Kriterien ökologischer Verträglichkeit durchgeführt werden, ist mit entsprechenden Unterstützungsbeiträgen zu rechnen, so dass sich der gemeindeeigene Kostenanteil auf ungefähr 40 Prozent belaufen dürfte. Dies führte Christoph Dietschi aus, Leiter der Fachstelle Wasserbau beim kantonalen Amt für Umwelt. Mitte nächstes Jahr soll das Massnahmenkonzept zur Genehmigung spruchreif sein. Danach könnten die ersten Schritte eingeleitet werden.

Jenseits des Gärtlidenkens

Augenscheinlich hat die Gefahrenkarte ein zusammenhängendes System an Gefahren aufgezeigt: «Würden nur einzelne Stellen saniert, so fände nur eine Verlagerung des Problems an eine andere Stelle statt», so Secci. Die anwesenden Bettlacher schien genau diese Ansicht auch zu bestätigen: So erscheint es sinnvoll, gerade in dieser Sache über den eigenen Gartenzaun hinauszudenken - oder besser - über den eigenen trockenen Keller.