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«Unsere Viehspendenaktion liegt voll im Trend»

Auch die ruandische Regierung verfolgt das Ziel, dass jede Familie eine Kuh hat. Hier das Interview mit der Präsidentin des Stiftungsrates Regula Gloor.

Christoph Bopp

Frau Gloor, wann waren Sie das letzte Mal in Ruanda?
Regula Gloor:
Ende Oktober.

Hat sich etwas verändert?
Gloor: Auf dem Land in Gitarama kaum etwas. Aber die Hauptstadt Kigali wird immer internationaler, immer grösser.

Spürt man etwas von der Finanzkrise?
Gloor: Ja, das spürt man. Die Nahrungsmittelpreise sind stark gestiegen, die Löhne konnten nicht Schritt halten. Die Leute sind eher schlechter dran als vor einem Jahr. Es ist aber nicht nur die internationale Spekulation, sondern auch die abnehmende Produktivität der Böden und die wachsende Bevölkerung.

Macht sich der Klimawandel bereits bemerkbar?
Gloor: Man sagte mir, dass die Jahreszeiten, d. h. Regen- und Trockenzeiten nicht mehr so klar unterschieden werden können. Aber grössere Auswirkungen gibt es - soweit ich gesehen habe - noch nicht.

Und wie läuft es in der Stiftung?
Gloor: Da sind wir im Grossen und Ganzen sehr zufrieden. Wir haben den Eindruck, dass es in die Richtung läuft, die wir anstreben. Wir konnten jetzt die Leitung verstärken, indem wir eine Person angestellt haben, welche führungsmässig Erfahrung hat. Davon erwarten wir uns viel.

Ein Manager aus der Region?
Gloor: Das ist vielleicht etwas zu viel gesagt, aber es geht in die Richtung, da er in der Leitung einer Ausbildungsinstitution für Beamte tätig war. Bisher hatte ja Père Josaphat allein die Leitung, aber er ist eigentlich Pfarrer. Management und insbesondere Personalführung ist nicht seine grosse Stärke. Wenn wir jemanden haben, der Erfahrung hat in der Führung einer Institution und der etwas mit Zahlen anfangen kann, haben wir auch mehr Möglichkeiten, die bestehenden Projekte besser zu kontrollieren und auch neue Projekte aufzugleisen.

Wissen Sie jederzeit, wofür das Geld verwendet wird?
Gloor: Ja, es sind ja gebundene Gelder. Entweder fliessen sie in bestimmte Projekte oder ins monatliche Budget. Es gibt kein frei verfügbares Geld. Wir haben neben dem neuen Geschäftsführer ja auch eine ausgebildete Buchhalterin. Unser Controller prüft anhand der Belege nach, ob das Geld korrekt ausgegeben worden ist. Wir haben ein gutes Gefühl.

Ein Bestandteil der Kritik, die immer wieder an der Entwicklungszusammenarbeit geäussert wird, ist, dass die falschen Leute gefüttert würden und Korruption gefördert werde.
Gloor: Da kann ich Sie beruhigen. Das geschieht bei uns nicht. Was wir akzeptieren müssen, ist, dass wir unseren Grundsatz «Hilfe zur Selbsthilfe » nicht konsequent durchziehen können, sondern häufig auch einfach Nothilfe, insbesondere mit Lebensmitteln, leisten müssen. Aber wir können garantieren, dass das Geld bei den Richtigen, den Leuten, die es brauchen, ankommt. Auch die Viehspenden kommen direkt Bedürftigen zugute.

Gilt die Regel immer noch, dass das erste Jungtier weitergegeben werden muss?
Gloor: Ja, die gilt noch. Die Leute sind sehr stolz und glücklich ein Tier zu erhalten, aber sie sind auch sehr stolz darauf, später selber etwas weitergeben zu können.

Hat diese Aktion in Ruanda selbst ein Echo gefunden?
Gloor: Die Regierung hat kürzlich eine Art Leitbild veröffentlicht, wonach es ein Ziel sei, dass bis 2018 alle Familien auf dem Land eine Kuh haben sollten. Unsere Aktion liegt somit voll im Trend und die Viehverteilungen finden immer sehr grossen Anklang. Auch die Unterstützung mit Schulgeldern ist sehr begehrt. Ohne Unterstützung könnten vielleicht 80 Prozent der Kinder nach den sechs Jahren Primarschule nicht weiter in die Schule gehen, weil die Kosten für Internat, Unterkunft, Transport, Schuluniformen und Schulgeld so hoch sind, dass sich das nur die wenigsten Leute leisten können. Immer noch haben auch fast 30 Prozent der Kinder überhaupt keine Schulbildung, obwohl der Schulbesuch eigentlich obligatorisch wäre.

Welche Erfahrungen haben Sie mit staatlichen Stellen gemacht?
Gloor: Ich möchte mir kein Urteil anmassen. Die Mentalität ist sicher anders als bei uns. Man sieht einerseits, dass der Unterschied zwischen Arm und Reich weiter wächst, dass aber anderseits auch gute staatliche Projekte zur Armutsbekämpfung bestehen. Die Armut ist aber so gross, dass es einen sehr grossen Effort des Staates benötigen würde, um das wirklich zu ändern. Deshalb wird es unser Projekt und unsere Hilfe auch in der Zukunft brauchen.

Was gibt es Neues?
Gloor: Wir haben drei neue Projekte dieses Jahr gestartet. Das erste ist die regelmässige Unterstützung mit Lebensmitteln der Mütterstation, welche noch von Margrit Fuchs gebaut wurde und die von lokalen Schwestern geführt wird. Hier kann mit wenig Geld den Kindern ein sehr viel besserer Start ins Leben ermöglicht werden. Das zweite Projekt ist das Spital, wo wir ebenfalls mit Lebensmittelspenden Langzeitpatienten unterstützen, welche nicht von Verwandten versorgt werden. Die Versorgung mit Essen in einem Spital ist in Ruanda nämlich die Aufgabe der Verwandten. Das dritte ist die Ecole Ménagère, ein Projekt, das noch von Margrit Fuchs angestossen wurde und ihr sehr am Herzen lag. Dort lernen junge Frauen insbesondere nähen und kochen, um sich später als Haushalthilfe, Köchin oder Schneiderin ein Auskommen zu sichern. Das Projekt läuft erst seit drei Monaten, aber es entwickelt sich sehr positiv.

Was ist noch geplant?
Gloor: Wir möchten anfangen mit Mini-Krediten. Dabei geht es um Kleinstkredite von vielleicht 20 bis 100 Franken. Sie sollen Leute mit Ideen unterstützen, die sich eine eigene Existenz aufbauen möchten. Dazu benötigt man aber zuerst eine Schulung der Leute: Wie stellt man einen Mini-Business-Plan auf, wie macht man eine bescheidene Rentabilitätsberechnung, damit man das Geld auch zurückzahlen kann und dergleichen. Hier wird der neue Geschäftsführer sicher positive Impulse geben können. Wir erhoffen uns vom Projekt, dass sich insbesondere bei den Frauen so etwas wie eine bescheidene Unternehmerkultur entwickelt und somit echte Hilfe zur Selbsthilfe stattfinden wird.

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