Aarau
«Unsere Muttersprache ist die Gebärdensprache»

Es ist, als würden im Schulzimmer ständig Untertitel laufen: Der «Sonntag» besuchte an der Aargauischen Maturitätsschule für Erwachsene in Aarau eine Mathematiklektion mit Übersetzung in Gebärdensprache.

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Unterricht in Gebärdensprache

Unterricht in Gebärdensprache

Schweiz am Sonntag

Sabine Kuster

Ist N Teilmenge von Z? Und wenn ja, warum gehört die Zahl 3 nicht zur Menge Z? - Mathematiklehrer Adrian Lüthy erklärt in einem Zimmer der Neuen Kantonsschule Aarau die Mengenlehre. Es tönt nicht kompliziert. Das findet zumindest Carmela Zumbach. Sie ist eine von 23 Studierenden einer 1. Klasse der Aargauischen Maturitätsschule für Erwachsene (AME). Die 25-Jährige liebt Mathematik. «Ich verstehs einfach gut», sagt Carmela Zumbach. Sie sagt es mit Nachdruck, wie immer, wenn sie redet. Schon nur ihr schnell wechselnder Gesichtsausdruck spricht Bände, dazu fliegen ihre Hände durch die Luft, die Finger wirbeln von einer Position in die andere.

Jetzt will die Studentin von Lehrer Lüthy die Sache mit der Zahl 3 und der Menge Z erklärt haben. Eine Dolmetscherin übersetzt laut, was Carmela in Gebärdensprache fragt. Lüthy antwortet, die Dolmetscherin übersetzt zurück in Gebärdensprache. Wenn Lüthy einen Witz macht, damit die trockenen Zahlen leichter verdaut werden, übersetzt die Dolmetscherin: «Die Klasse lacht».

In 31⁄2 Jahren wird Carmelaund ihre drei ebenfalls gehörlosen Mitschüler voraussichtlich die Matur machen - schweizweit als erste Gehörlose in einer speziellen Klasse, die von Gebärdendolmetschern begleitet wird. Wenn Gehörlose bis anhin die gymnasiale Matur machen wollten, mussten sie sich alleine in einer normalen Klasse durchschlagen. Es gab lediglich in Zürich die Berufsmatur an der Berufsschule für Hörgeschädigte (BSFH), dort jedoch übersetzen keine Gebärdendolmetscher - die Schüler müssen den Lehrern alles von den Lippen ablesen. «Unsere Muttersprache ist die Gebärdensprache», sagt Andreas Janner vom Schweizerischen Gehörlosenbund (SGB-FSS), «die Schüler lernen und verstehen schneller, wenn sie nicht Lippenlesen müssen.» Finanziert werden die Dolmetscher von der IV. Doch nicht nur dies musste geregelt werden.

Dass die AME in Aarau diese Maturaklasse für Gehörlose nun anbietet, ist kein Zufall. «Unsere Erwachsenenmatur ist visuell-lastig», sagt Rektorin Keller, «das kommt den Gehörlosen entgegen.» Nur an zwei Tagen ist Schule, 50 Prozent des Stoffs erarbeiten die Schüler im Selbststudium. Alle Unterlagen und Übungen stehen auf online auf der Schulplattform.

Besondere Umstände

SGB-FSS-Geschäftsleiter Andreas Janner hat zusammen mit AME-Rektorin Barbara Keller einen Katalog zusammengestellt, der die Nachteile der Gehörlosen an der Maturitätsprüfung ausgleicht. Dieser musste von der Schweizerischen Maturitätskommission genehmigt werden. An der mündlichen Abschlussprüfung werden die Gehörlosen beispielsweise einen Zuschlag von zehn Minuten kriegen, weil die Kommunikation via Dolmetscher länger dauert. Die mündliche Englischprüfung können die Schüler schriftlich in der Form von Chatten am Computer ablegen. Für Mathematiklehrer Adrian Lüthy bedeutet der Unterricht von Gehörlosen keine Umstellung. Die Gebärdendolmetscher könnten sogar Begriffe wie «ggT» - grösster, gemeinsamer Teiler - übersetzen, sagt er. Allerdings gibt es nicht für jeden Fachbegriff eine Gebärde, doch die Dolmetscher wissen sich zu helfen oder Lüthy schreibt einen Therm schnell an die Tafel. (kus)

Für Gehörlose sei der Besuch einer Maturitätsschule eine Herausforderung, sagt Janner. «An den Sonderschulen herrscht ein Bildungsrückstand, weil oft primär das Vermitteln der normalen Lautsprache im Vordergrund steht.» Carmela Zumbach beispielsweise musste an ihrer früheren Schule selten Prüfungen lösen. Erst während der Berufsausbildung zur Dekorationsgestalterin wurde dies verlangt. So war es auch am Heilpädagogischen Zentrum Hohenrain in Luzern für Hör- und Sprachbehinderte, welches ihr Klassenkollege Stefan Bammert als Kind besuchte.
Heute leben die beiden 25-Jährigen zusammen in einer WG in Brüttisellen. «Ohne Dolmetscher würde ich es im Unterricht nicht schaffen», sagt Stefan Bammert, «ohne wäre es schlimm.»

Die hörenden Mitschüler finden es bislang einfach interessant, mit Gehörlosen zusammen unterrichtet zu werden. «Die Dolmetscher stören überhaupt nicht», sagt ein 21-Jähriger, «ich hoffe, dass ich bis zur Matur einige der Zeichen verstehen werde.» Eine andere Studentin findet: «Wir profitieren von ihnen. Wir lernen, uns in die Augen zu schauen und deutlicher zu reden.»

Dennoch werden sich die beiden Gruppen der Hörenden und Gehörlosen wohl nur bedingt vermischen. «Die Hörenden leben in einer anderen Welt», sagt Carmela Zumbach. «Wir werden uns in der Pause wohl oft getrennt unterhalten - schon nur, damit ich abschalten kann. Ich denke nicht, dass wir uns voll integrieren werden.» Integration ist denn auch nicht das Ziel der Maturität für Gehörlose; es geht darum, das Gleichstellungsgesetz für Behinderte von 2004 umzusetzen. Und das Ziel der vier Schüler ist es, damit später einen Beruf erlernen zu können, der die Matur erfordert. Stefan Bammert wird vielleicht Architektur studieren, Carmela Zumbach entweder Jura oder - wenig überraschend - Mathematik.

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